Georg Büchner
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Kontroverse (3)
Burghard Dedner
Antwortschreiben, 20.12.1999

Georg Büchner Gesellschaft e.V.
Georg Büchner Jahrbuch

Georg Büchner Gesellschaft - Fronhof - Am Grün 1 - D -35037 Marburg

Herrn
Dr. Henri Poschmann
Helmholtzstraße 27
99425 Weimar

 

Marburg, den     
20. Dezember 1999

 

Lieber Herr Poschmann,

Sie verbinden Ihre Erklärung des Austritts aus der Georg Büchner Gesellschaft, den ich sehr bedaure, mit Angriffen auf die Forschungsstelle Georg Büchner. Insbesondere werfen Sie uns vor, wir hätten a) die von Ihnen publizierte Edition von Büchners Sämtlichen Werken in der Öffentlichkeit diffamiert und wir hätten b) ohne hinreichende Leistungen seit Jahren Forschungsgelder an uns gezogen. Als Leiter der Forschungsstelle bin ich genötigt, zu diesen Vorwürfen Stellung zu nehmen bzw. sie aus meiner Sicht richtigzustellen. Sie werden verstehen, daß ich auf andere Vorwürfe wie "hinterhältig diskreditierende Unterstellungen", "ausartende Zänkereien", "anmaßende Kompetenzansprüche", "Eskapismus der Gralsritter" nicht replizieren kann, da sie zwar rhetorisch wirkungsvoll sein mögen, aber keine Tatsachenbehauptungen darstellen. Und nur um die kann es ja hier gehen.

Auslöser Ihrer heftigen Reaktion ist anscheinend eine Rezension des 2. Bandes Ihrer Büchnerausgabe in der F.A.Z. vom 2. November. Ich kann Ihnen versichern, daß ich - und das gilt m.W. auch für alle anderen Mitarbeiter der Forschungsstelle - an dieser Kritik in keiner Weise beteiligt war. Der Rezensent, Herr Dr. Bockelmann, hat bis 1991 in der Forschungsstelle gearbeitet und, wie Sie wissen, auch eine einschlägige Publikation zu "Woyzeck" vorgelegt. Er vertritt seine eigene Meinung. Auch zu der Zeitung, in der die Rezension erschien, haben wir keine Beziehungen. - Weiter kritisieren Sie, daß Georg Büchner Gesellschaft und Forschungsstelle seit Jahren "vom ersten Band der bisher umfassendsten Büchner-Gesamtausgabe" keine Notiz genommen haben. In welcher Weise die Büchner Gesellschaft hiervon hätte Notiz nehmen sollen, weiß ich nicht. Das Jahrbuch hat sich entschließen müssen, auf die früher vorhandene Rubrik Rezensionen mangels Angebot zu verzichten. Jedoch hätten Sie jederzeit auf einer Mitgliederversammlung diesen ersten Band Ihrer Ausgabe vorstellen können. Und wenn Sie dies jetzt, wo zwei Bände vorliegen, nachholen möchten, wäre mir dies als Vorsitzendem der Gesellschaft durchaus willkommen, wie ich Sie ja auch schon vor Jahren gebeten hatte, zu der Debatte um die Textkonstitution des "Woyzeck" beizutragen. Ich selbst wurde 1994 von Herrn Prof. Woesler gebeten, eine Rezension Ihres Bandes in einem einschlägigen Rezensionenorgan zu veröffentlichen. Ich habe darauf nach einigem Nachdenken verzichtet, denn es schien mir zu einem Zeitpunkt, da es schon zu Differenzen zwischen Ihnen und Herrn Mayer gekommen war, unangebracht, eine Rezension zu publizieren, die in vieler Hinsicht sehr kritisch ausgefallen wäre und die in der Öffentlichkeit den Verdacht hätte erregen können, daß hier ein Konkurrent einen anderen zu verdrängen suche. Ihr jetziger Brief bestärkt mich in der Ansicht, daß ich damals gut daran tat zu schweigen. - Wir hätten, schreiben Sie weiter, im Zusammenhang Ihrer Ausgabe Begriffe wie "unbrauchbar" oder "nicht zitierbar" verwendet. Tatsächlich gebraucht Herr Mayer in einem Brief an Sie den Begriff "nicht zitierfähig", allerdings erst nachdem er zuvor in seinem Brief vom August 1993 auf sechs Seiten an Beispielen dargelegt hatte, wie er zu diesem Urteil gelangt ist. - Wir zitieren Ihre Ausgabe nicht, schreiben Sie weiter. Tatsächlich hat sich für mich und andere Mitarbeiter der Forschungsstelle die Frage, ob wir Büchner nach Ihrer Ausgabe zitieren sollten, nie gestellt. Wir zitieren "normalisierte" Büchner-Texte nur dann, wenn entweder keine anderen vorliegen oder wenn wir den "normalisierten" Text für einen wesentlichen editorischen Fortschritt gegenüber früheren Ausgaben halten.  Weder das eine noch das andere können Sie aus meiner Sicht aber für die im Band 1 Ihrer Ausgabe versammelten Büchner-Texte beanspruchen.

Ich kann Ihre Erbitterung darüber, daß sich nach Jahren der Zusammenarbeit zwischen Ihnen und der Büchner-Forschungsstelle jenes gespannte Verhältnis entwickelt hat, dem Ihr Brief jetzt Ausdruck verleiht, sehr gut nachvollziehen, bitte Sie dabei jedoch zu bedenken, daß aufgrund verschiedener Umstände die Forschungsstelle in unserem langjährigen Kooperationsverhältnis sehr viel mehr geben konnte als sie genommen hat. Nicht akzeptieren kann ich dagegen Ihre Attacke auf die bisherige Arbeit der Büchner-Forschungsstelle. Sie können selbstverständlich der Meinung sein, daß Fördergelder woanders "besser angebracht" wären als bei uns, sollten bei dieser Meinung aber doch in Rechnung stellen, daß wir unsere Arbeiten in einem regelmäßigen Turnus von zwei Jahren den dafür bestellten Fachgutachtern vorlegen. Zwar haben auch diese gelegentlich - was Sie ja sicher mit Ihrem Vorwurf meinen - einen schnelleren Fortgang der Arbeiten angemahnt; Ihrer Forderung nach einem Abzug der Mittel haben sie sich dagegen nicht angeschlossen - im Gegenteil. In den letzten zwei Jahren haben wir uns einer sehr intensiven Überprüfung durch weitere Gutachtergremien des Akademienprogramms der Bundesrepublik unterzogen mit dem Ergebnis, daß die Ausgabe bis zu ihrem Abschluß, der für das Jahr 2010 oder 2012 vorgesehen ist, gefördert werden soll. Die wohlwollenden Beurteilungen durch unabhängige Gutachter sind sicher darauf zurückzuführen, daß unsere Arbeiten an der Historisch-kritischen Büchner-Ausgabe als qualitätvoll gelten, sowie auch darauf, daß Ihr Satz, nie "hätte jemand auch nur ein Bruchstück davon gesehen", einfach nicht zutrifft. Außer den Gutachtern haben bereits mehrere Forscher Einblick in die Ergebnisse unserer Arbeit genommen, die wir, solange sie nicht publiziert werden können, in der Marburger Forschungsstelle allen Besuchern mit entsprechend begründeten Forschungsanliegen zugänglich machen. Auch sind die vier Teilbände unserer "Danton"-Ausgabe gerade im Satz und werden vor Ende 2000 erschienen sein. 2001 soll "Lenz", danach "Leonce und Lena" folgen.

Ich habe Ihren Brief zusammen mit dieser Antwort an die Vorstandsmitglieder der Büchner-Gesellschaft weitergeleitet. Wenn Sie dies wünschen, werde ich beide Schriftstücke selbstverständlich auch den Mitgliedern auf der nächsten Mitgliederversammlung zur Kenntnis bringen.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

(Prof. Dr. Burghard Dedner)