Georg Büchner
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Kontroverse (5)
Eske Bockelmann
Statement, zur Kenntnis gebracht durch Burghard Dedner, 6.11.2000
(Quelle: Internetseite der Philipps-Universitδt Marburg, Forschungsstelle Georg Bόchner)

 

Prof. Dr. Burghard Dedner,
Philipps-Universität, Forschungsstelle Georg Büchner, D-35032 Marburg,  dednerb@mailer.uni-marburg.de
 

                            Marburg, 6. Nov. 2000
Sehr geehrte Damen und Herren!
Herr Bockelmann schickt mir folgendes “Statement” zur Vorgeschichte und Intention seiner Rezension der
Büchner-Ausgabe von Henri Poschmann. Wie auf der Mitgliederversammlung der Georg Büchner-Gesellschaft
am 4. November 2000 angekündigt, bringe ich Ihnen dieses “Statement” zur Kenntnis.

B. Dedner

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Dr. Eske Bockelmann

Statement in der Sache Poschmann (u. a.) vs. FGB

Erstens: Ich habe Ende letzten Jahres den zweiten Band von Poschmanns Büchner-Gesamtausgabe rezensiert –
für die F.A.Z. Vermittelt hatte ein guter Freund, der zu jener Zeit regelmäßig Rezensionen für diese Zeitung schrieb,
ein Mensch namens Burkhard – nein, nicht Dedner, sondern: Müller; ein Mensch, der zwar gute Verbindungen zur
F.A.Z. unterhält, keine jedoch zur Forschungsstelle Georg Büchner, nicht zur Büchner-Gesellschaft, nicht zu
Thomas Michael Mayer, nicht zu Burghard Dedner, oder wen auch immer man sonst noch mit Marburg in
Verbindung bringen wollte. Ihre Entscheidung über die Rezensionsvergabe hat die F.A.Z.-Redaktion in Kenntnis
meines Aufsatzes zum Problem der Woyzeck-Edition getroffen. Es sitzen in dieser Zeitung überraschenderweise
also Leute, die allen Ernstes wissenschaftliche Einwände gegen ein unfundiert-falsches Editionsverfahren der
Beachtung für wert halten, wenn es um eine Werkedition geht, die zwar dieses Verfahren, aber keinen der
Einwände dagegen beachtet.

Zweitens: Ich habe mit Thomas Michael Mayer, nachdem mir die Rezension aufgetragen war, mehrfach mittels
Telephon und Briefen Kontakt gehabt, einen Kontakt, der nicht mir, leider aber ihm übel bekommen ist, da es
darin verdächtigerweise durchaus auch um Poschmanns Edition ging. Von diesem Kontakt habe ich glücklicherweise
keine Ansteckung, aber doch zwei Informationen davongetragen, die in meine Rezension eingegangen sind:
wie der Verlag Poschmanns Ausgabe angekündigt hatte; und wie Hauschilds Biographie in der F.A.Z. rezensiert
worden war; beide Informationen sind der Öffentlichkeit ungehindert zugänglich. Alles andere an Poschmanns
Edition war ich, so seltsam es anmuten mag, selber in der Lage und willens zu beurteilen.

Drittens: Ich habe tatsächlich ein Urteil in der Frage, wie man Büchner edieren und wie man seinen Woyzeck
insbesondere nicht zu edieren habe. Dieses Urteil ist seit beiläufig zehn Jahren nachzulesen (GBJb 7) und, wie man
an Differenzen zu Thomas Michael Mayers damals gleichzeitiger Position zu erkennen vermöchte, vollständig auf
meinem eigenen Mist gewachsen. Dieses Urteil hat der Redaktion des F.A.Z.-Feuilletons vorgelegen, es hat sie
dazu bestimmt, mich mit der Rezension zu beauftragen, und dieses Urteil sollte bis in den letzten “verschliffenen
Bogen” von Büchners Handschrift hinein kennen, wer in dieser Frage oder in dem trüben Zusammenhang, zu dem
sie jetzt verzerrt wurde, das Wort erhebt. Denn diesem Urteil weicht ein Poschmann aus – und wer wie er den
Vorwurf eines Machtmißbrauchs durch den sattsam bekannten FGB/GBG-Filz daraus ableitet –, diesem Urteil
weicht er aus, indem er es nicht als die wissenschaftliche Argumentation über richtig und falsch wahrnimmt, als
welches es nachlesbar ist, sondern als dirigistische Maßnahme gegen einen lieben Mann. Er nennt es einen Schaden
für die gesamte Zunft – oder etwas ähnlich national Verantwortungsvolles. Ich dagegen bin weiterhin des Urteils,
daß es einen Affenschande ist, den Woyzeck – und Büchners Handschrift allgemein – so zu edieren, wie ihn schon
viele, keiner aber schlimmer als Poschmann ediert hat. Und nenne es nunmehr eine verächtliche Finte, daß da einer
anstelle der Editionsfrage ein Komplott festgestellt wissen will, der zwar Büchner ediert – verdammt nochmal:
Büchner, und nicht Heinrich Böll oder sonst etwas in der Preislage –, aber noch nie einen einzigen Satz über das
Verfahren geäußert hat, nach dem er dessen Handschrift, divinatorisch, deutet. Allein die Tatsache diese Stillschweigens
dürfte selbst die Zunft, die er anruft, nicht dulden: Eine Edition, die darüber nicht Rechenschaft abzulegen vermag, ist
schon deshalb unbrauchbar. Und anstatt die zehn Jahre, die inzwischen verstrichen sind, dazu zu nutzen, meine
ausführliche und mühsam kleinteilige Argumentation einmal zu widerlegen, zu kommentieren, zu kritisieren, also
irgendetwas in der Sache zu äußern, wozu er als Wissenschaftler und Editor verpflichtet wäre, bricht er sein in
Editionsfragen so bruchloses Stillschweigen nur, um den Mund für den Satz aufzureißen: Da will mir jemand bös’!
Und, noch einmal lachhafter, der Böse bin nicht ich, der ich seine Edition nach wie vor unbrauchbar nenne, sondern
nein, da müssen Seilschaften, da müssen improbi, da müssen Feinde aller Guten am Werk sein, die mich als ihr williges,
willen- und gedankenloses Werkzeug nur vorschieben. Ich sage: Das sollte er nicht wagen, mir von Angesicht zu
Angesicht zu sagen! Wer jene Leistung, die ich durchaus mit Stolz und Empfindlichkeit für mich alleine beanspruche –
und Dedner und Mayer, die damals erfolglos versuchten, meiner Heftigkeit in der Sache entgegenzuwirken, wissen,
mit wieviel Recht ich dies tue –, die Leistung nämlich, ein entscheidendes Problem in Büchners Woyzeck-Handschrift
geklärt zu haben; wer also sie nicht anerkennen mag und meine Argumentation folglich für widerlegbar halten muß,
der mag auftreten und sie und mich widerlegen – anstatt ein lachhaftes Wissenschaftspolitikum daran zu hängen und
von üblen Machenschaften zu raunen. Wem es verdächtig ist, daß der Stand der Wissenschaft in dieser Frage nicht
mehr derjenige Poschmanns von vor zehn Jahren sein soll – Poschmann orakelt da etwas von dem ominösen Jahr ’89:
ja, die Wessis! –, der mag bedächtig genug sein, sich mit der Sache anstatt mit der erhellenden Frage zu befassen:
Wo sitzen die Bösen, die da die Fäden ziehen?

Kurz: Ich finde es degoutant, wenn Poschmann und nunmehr auch andere in einer Frage, die sich wissenschaftlich
beantworten läßt, zetern, da würde wissenschaftlicher Komment mit Füßen getreten und der Forschungsstelle mit ihrer intriganten Leitung müßte dafür endlich einmal ganz grundsätzlich eins auf die Finger gegeben werden, – statt daß sie
jenen Komment ganz einfach selbst einhalten.
                                                                                                                                                Eske Bockelmann

Lesen Sie hierzu Wender.