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Kontroverse (9)
Henri Poschmann, "Schluß der Debatte" und fortgesetzte Anschläge aus dem Hinterhalt, 26.6.2001

Auf die Ausflüchte hin, mit denen Prof. Burghard Dedner als Vorsitzender der Büchner-Gesellschaft und Leiter der Büchner-Forschungsstelle an der Universität Marburg auf meine Beschwerden (Kontroverse 1) reagierte (Kontroverse 3), hatte ich ihn konkret an seine Unredlichkeiten im Umgang mit meinen Arbeiten erinnert (Kontroverse 4). Diese Angaben sind nachprüfbar und stehen seitdem unwidersprochen im Raum. Herr Dedner hat es vorgezogen, auf eine Erwiderung zu verzichten. Lediglich zur Abwehr der "Anschuldigung" (Kontroverse 7) einer verdeckten Beteiligung seiner Forschungsstelle an der Konzipierung der bösartig desinformierenden ‚Rezension’ in der FAZ (Kontroverse 2) publizierte er auf der Internetseite der Büchner-Forschungsstelle und -Gesellschaft ein "Statement in der Sache Poschmann (u. a.) vs. FGB" von Dr. Eske Bockelmann (Kontroverse 5). So hoch die Rede darin aber auch aufschäumt, eine reinwaschende Wirkung stellt sich nicht ein. Das Eingeständnis der Absprache mit Thomas Michael Mayer, womit Bockelmann seinen Bekennerstolz als Alleinurheber der "Rezension" relativiert, bestätigt vielmehr, was Dedner wenig glaubhaft in Abrede stellte: Die verleumderische Attacke auf die vor dem Beginn des Erscheinens der Marburger Ausgabe abgeschlossene erste kommentierte Büchner-Gesamt-Ausgabe erfolgte mit Schützenhilfe aus der Büchner-Forschungsstelle der Philipps-Universität. Auch wenn Dr. Mayer ohne Wissen seines Vorgesetzten handelte, enthebt dies den Leiter der Institution ebensowenig seiner Verantwortung, wie die von ihm vorgewiesene Selbstbezichtigung eines "nützlichen Idioten", um mit Herbert Wenders sinngemäß zutreffender Anwendung des Lenin-Worts auf den Fall zu reden (Kontroverse 6). Herr Bockelmann deutet an, daß Herr Mayer sich mit seinem Freundschaftsdienst amtsintern Ärger eingehandelt habe. Mit einem Rüffel für den Mitarbeiter, dessen Verhalten die Beteuerung des Forschungsstellenleiters Lügen straft, ist der Fall aber mitnichten erledigt.

Herr Dedner denkt offenbar nicht daran, sich durch ein Zeichen des Bedauerns zu seiner Verantwortung zu bekennen, wenn schon nicht mit einer Entschuldigung, die Kollegen schon nach dem Offenlegen meiner Gründe für den Austritt aus der Büchner-Gesellschaft für angebracht gehalten hatten. Im Gegenteil. Nachdem er auf der Mitglieder-Versammlung der Büchner-Gesellschaft im November 2000 den vorzeitigen "Schluß der Debatte" in der "Sache Poschmann (u.a.) vs. FGB" durchgesetzt hatte (Kontroverse 7), um sich kritischen Nachfragen aus der Versammlung nicht stellen zu müssen, setzte das wenige Tage danach ausgelieferte, von ihm und Dr. Mayer am Institut für Neuere deutsche Literatur und Medien der Philipps-Universität für die Büchner-Gesellschaft und –Forschungsstelle herausgegebene und mit Unterstützung durch das Land Hessen, die Stadt Darmstadt und die Stadt Marburg gedruckte Jahrbuch 9 (nachträglich für 1995-99) die Sudelkampagne forciert fort. Auf annähernd dreihundert Seiten, verteilt über den größten Teil des Bandes, läßt Mayer seinen Ärger über die, wie er meint, ungenügende Ästimierung seiner Arbeiten aus, wobei er sich hauptsächlich wüst über mehr oder weniger kritikwürdige Einzelheiten der Büchner-Biographie von Jan-Christoph Hauschild verbreitet, um den Verfasser als in jeder Hinsicht inkompetent abzustempeln und persönlich zu demütigen. Zwischen diesen Auslassungen, in denen nebenbei auch andere nicht folgsame Kollegen und Kritiker abgekanzelt werden, findet überdies noch eine erste öffentliche Verlautbarung aus Marburg über unsere 1992-99 in Frankfurt erschienene Ausgabe Platz - in einer Fußnote (S. 323).

Ein kritisches Zur-Kenntnisnehmen der Ausgabe durfte erwartet werden, - bedenkt man, daß es in erster Linie das Fehlen einer "abgeschlossene[n] kritische[n] und kommentierten Gesamtausgabe" und einer "Institution, die die Forschungsdiskussion selbst und den Kontakt zwischen Öffentlichkeit und Forschung [...] anregen und fördern könnte", war, woraus die Marburger Büchner-Institutionen seit 1979 ihren Gründungsauftrag ableiten - (s. http://www.uni-marburg.de/fgb/arb_forsch.html). Sich zu einer Edition der vorliegenden Kategorie allgemeinvernehmlich zu äußern, gehört, sollte man demnach denken, schlechthin zu den Amtspflichten der beiden Herausgeber des Büchner-Jahrbuchs. Es war auch schwerlich länger aufschiebbar nach beinahe einem Jahrzehnt der Ignorierung bei gleichzeitig eifrig betriebener übler Nachrede und Desinformation aus dem Hinterhalt. Dazu gehört, wovon ich erst kürzlich erfuhr, ein Gerücht, das verbreitet, dem Deutschen Klassiker Verlag sei aus Marburg nach dem Erscheinen des ersten Bandes eine ärgerliche Liste von Mängeln präsentiert worden. Wer im leichten Glauben, oder auch nur verunsichert durch solche Einflüsterungen der Enthüllung eines Fiaskos harrte, wird enttäuscht sein. Man lese, was nun ans Licht kommt:

"Die kommentierte Werkausgabe Poschmanns von 1992 bildet ein eigenes Kapitel, das hier nur angedeutet werden kann."

Sollte, was so daherkommt, die der Öffentlichkeit seit fast zehn Jahren geschuldete Kritik sein? Wohl kaum, aber man kann dafür was andres sehn! Ich nenne es die unfreiwillige Selbstkarikatur eines Argumentationsmusters, das Lesern von Texten Mayers vertraut vorkommen wird. Um den Platz zu halten in der Forschungslandschaft, den zu behaupten die eigene publizistische Präsenz nicht ausreicht, wird der Anspruch rundum durch beliebig wiederholbare Ankündigungen markiert, die überwiegend niemals eingelöst werden. Mit Andeutungen, die suggerieren sollen, man habe Gewichtiges noch in der Hinterhand, was man nur hier und jetzt noch zurückhalte, werden geargwöhnte Konkurrenten (regulär die üblichen Verdächtigen) in die Schranken gewiesen, gegebenenfalls mit ultimativem Platzverweis, - immer mitberechnet auf das von "hochspezialisierter philologischer Wissenschaftlichkeit" weniger verstehende Publikum: Imponiere, um zu dominieren! Dabei darf auch mal falsche Münze ausgestreut werden.

Nach dem zitierten ersten Satz wischt der zweite mit einer Handbewegung vom Tisch, was nicht darauf gehört, mit dem Dekret:

"Sie [die Werkausgabe Poschmanns von 1992] ist, nicht nur was den Woyzeck betrifft (vgl. Bockelmann [...1988/89 – also drei bis vier Jahre vor dem Erscheinen von Band 1! - H. P.]), sondern auch mit den anderen Texten und textkritischen Erläuterungen, wissenschaftlich nicht zitierbar."

Ende des Urteilsspruchs. Mehr enthält er nicht. Ich habe nichts ausgelassen. Man muß es lesen, um zu glauben, daß es so dasteht. Das nach langem düsterem Schweigen verkündete Todesurteil stand bereits fest, als das Kind noch gar nicht auf der Welt war. Vielleicht war ein Rest von Schamgefühl der Grund für Mayer, seinen Urteilsspruch halb versteckt in einer seiner 865 Fußnoten in diesem Jahrbuch abzulegen, oder wandelten ihn Bedenken vor der eigenen Dreistigkeit an? Man kann darin auch einen Ausdruck besonders nachdrücklicher Geringschätzung des Gegenstandes sehen, der eigentlich gar nicht der Erwähnung wert erscheinen soll. So oder so, die Auslassung hat auf jeden Fall die Qualität eines Rufmordanschlags der niederträchtigsten Art. Schlimmer, - was da im Fußnotendickicht eines unglaublich abstrusen Konvoluts passiert, ist ja nicht bloß der private Angriff irgend eines einzelnen, es geschieht ja mit Förderung staatlicher und anderer Institutionen und unter der Deckung ihrer Seriosität versprechenden Namen, - es ist ein tolldreister Streich des auf diesen Blättern geradezu legalisierten Terrorismus, der ohne Untersuchung und sogar ohne Anklage kurzen Prozeß macht. Warum nicht mit einer in der Fachwelt bislang recht angesehenen Lebensleistung ebenso wie mit jedem anderen, das in die Quere kommt!

Aber halt, war da nicht doch eine Begründung des Urteils? Richtig, ich zitiere auch diese im vollen Wortlaut. Der dritte Satz im unmittelbaren Anschluß an den zweiten gibt die Begründung bekannt, wieder ohne sich lange damit aufzuhalten:

"Die über 400 gravierenden Fehler aller Kategorien, die in diesem Band (ohne Berücksichtigung der Woyzeck-Textkonstitution) versammelt sind, erstrecken sich buchstäblich von der ersten bis zur letzten Seite."

"Die"? Wie doch so ein kleines unschuldiges Wort schon lügen kann! Der bestimmte Artikel unterstellt die Bekanntheit des Bezeichneten, wer es so liest und nicht besser weiß, muß davon ausgehen, daß von "über 400 gravierenden Fehler aller Kategorien" schon mal irgendwo die Rede war, ihre Existenz wird vorausgesetzt, man braucht nur noch daran erinnert zu werden, mit der Erwähnung von ein paar besonders gravierenden Fällen. Vielleicht war einem die Bekanntgabe entgangen, nun weiß man davon und ist gewarnt. - Nein, betrogen ist man, weder in Rezensionen noch anderswo sah man davon je etwas gedruckt. Gleichwohl kenne ich die Behauptung schon seit 1993, sie steht fast wörtlich in dem von mir angeführten Brief Mayers an mich. Zu seinem Erkenntnisstand von 1993 ist nichts hinzugekommen. Herr Dedner hat, entweder falsch informiert durch Herrn Mayer oder bewußt wahrheitswidrig behauptet, dieser Brief enthielte eine sechs Seiten lange Begründung eines harten Urteils (Kontroverse 3). Ich habe Dedners Behauptung anhand des Briefwechsels von damals, der mir noch original vorliegt, richtiggestellt (Kontroverse 4). Er hat auch darauf nicht geantwortet (s. o.). Jetzt stellt sich heraus, daß Mayer noch nicht einmal einen so "gravierenden Fehler" nennen kann, von denen er über 400 bräuchte, um seiner Eskapade auch nur den Anschein einer Berechtigung zu geben. – Und Sie, Herr Dedner, Sie schweigen weiter dezent darüber hinweg und betreiben in Wahrheit solch schmutziges Geschäft mit?

"400": Wo man eine Zahl angegeben findet, nimmt man an, daß jemand gezählt hat. Wer wird da schon nachzählen wollen, noch dazu wenn die Quelle "hochspezialisierte philologische Wissenschaftlichkeit" gewährleistet.

Ich könnte auf dem Rechtsweg erwirken, daß die Verbreitung von Mayers Behauptung, für die der Herausgeber des Büchner-Jahrbuchs Burghard Dedner mitverantwortlich ist, gerichtlich untersagt wird, solange ihre Richtigkeit nicht nachgewiesen ist. Ich möchte es nicht tun, weil ich weiß, daß Herr Mayer gar nicht ungern prozessiert. Lieber möchte ich darauf vertrauen, daß die wahren Sachverhalte in der Öffentlichkeit durchdringen werden.

Ganze vier Fehler weist Mayer in dem Band zur Rechtfertigung seines Verdikts am Ende wirklich nach. Davon gehören drei in die gleiche Kategorie: Auf S. 12 greift im Personenverzeichnis zu Danton’s Tod, eine der Klammern, mit denen die Personen in Gruppen eingeteilt sind, zu weit, wodurch Amar und Vouland fälschlich dem Wohlfahrtsausschuß zugeordnet erscheinen; auf S. 13 und S. 113 wird, gleichermaßen Nebentext betreffend, infolge der typographischen Auszeichnungsregeln des Verlages die Konstellation in den Szenenüberschriften mißverständlich; und S. 1018 ist in der Kolumnenzeile über dem Inhaltsverzeichnis ein augenfälliger Setzerfehler unbemerkt geblieben, was ärgerlich, aber inhaltlich von keiner Relevanz ist. – Nachgewiesen sind also unter dem Strich drei Zeichenfehler in Nebentext, die man relevant nennen darf, auf 1018 Seiten. Im Haupttext wird kein einziger Fehler, welcher Kategorie auch immer, angezeigt. Über lediglich eine textkritische Entscheidung, und zwar im Bereich des Quellenanhangs (zu Lenz), mokiert sich Mayer, allerdings sehr zu unrecht, abfällig: Da druckten wir "wieder diplomatisch den Unsinn nach, den eine Textredaktion zwei Jahre nach Büchners Tod aus Oberlins Bericht produzierte" (s. dazu w. u.). Die nachgereichte ‚Beweisaufnahme’ schließt mit der Kritik am Gebrauch eines Terminus an zwei Stellen im Kommentarteil. Mayer gefällt sich darin, sie in die Form eines letzten verächtlichen Fußtritts zu kleiden: "Daß der Hrsg. Poschmann auch keine Ahnung zu haben scheint, was die Textkritik unter einer ‚Sofortkorrektur’ versteht (vgl. S. 679 u. 444), verwundert danach nicht mehr." (S. dazu ebenfalls w. u.)

Ein Verzeichnis von Errata, das jedenfalls mehr als vier Punkte umfassen wird (dies verspreche ich!), beabsichtige ich selbst, auf einer dieser Seiten vorzulegen. Benutzer der Ausgabe, die Text- oder andere Fehler bemerken, bitte ich herzlich darum, zum Nutzen aller Interessierten, dabei mitzuhelfen, indem sie mir ihre Beobachtungen mitteilen.

Sollte der magere Befund der Mängeluntersuchung Mayers nur daher rühren, daß er sich gar nicht erst die Mühe einer gründlichen Durchsicht machte? Dagegen spricht u. a., das interessante Indiz, daß die von ihm gemeinsam mit Burghard Dedner inzwischen vorgelegte Edition von Danton’s Tod in der Historisch-kritischen Marburger Büchner-Ausgabe (Darmstadt 2000) durch unsere Ausgabe 1992 eingeführte Textverbesserungen – stillschweigend, versteht sich – nachvollzogen hat (Nachtrag August 2001: Stellungnahme): Vgl. Bd. 1, S. 55,10 / MBA,3,2, S. 46,10: "Jahrhunderte" statt "ein Jahrhundert"; Bd. 1, S. 77,2 / MBA,3,2, S. 68,24: Tilgung der aus dem Erstdruck bis in die jüngsten Ausgaben weitergeschleppten Szenenüberschrift "Ein Zimmer" (IV,1) und (dies nach einem von mir leider nicht vermerkten, weil seinerzeit übersehenen Hinweis von Herbert Wender, 1988, S. 71f.) Bd. 1, S. 61,25 / MBA,3,2, S. 53,3: "Das Luxemburg" statt "Die Conciergerie". - Dagegen vollzieht die MBA,3,2, S. 11,1 die von uns in Bd. 1, S. 19,14 eingeführte Verbesserung von "totgeschlagen, totgeschlagen" zu "totgeschlage, totgeschlage" aus einen durchsichtigem Grund, auf den ich im Zusammenhang mit Woyzeck noch zu sprechen kommen werde, nicht mit, womit die Herausgeber sich in der Textkonstitution gegen den eigenen Befund entscheiden, den selbst die schlechte Reproduktion der Handschrift im ersten ihrer vier schweren Danton-Bände zweifelsfrei ausweist.

An einer Stelle nimmt die MBA im Editionsbericht (Bd. 3,2, S. 297) dann allerdings doch eine offenbar "wissenschaftlich zitierbare" textkritische Feststellung zu Danton’s Tod aus "PI, 569f." auf. Dort und darauf bezogen in unserem Bd. 1, S. 444, erschließt sich erst der Hintergrund von Mayers abschließendem Fußnoten-Ausfall im GBJb 9 gegen den "Hrsg. Poschmann", der "keine Ahnung" habe, was "die Textkritik unter Sofortkorrekturen versteht". Der etwas dunkle Hinweis auf meine diesbezügliche Inkompetenz verrät mehr als er wohl sollte. Er berührt den problematischsten Punkt des Marburger Danton-Textes. Es handelt sich um die einzige originelle Textentscheidung, mit der Mayer und Dedner nach zwanzig Jahren Versprechungen in ihrer anspruchsvollen Edition aufwarten. Auf der Basis einer bloßen Vermutung, die Mayer schon 1987 hegte (Erstdrucke 4, Nw., S. 2f.), führen die Marburger Herausgeber eine Anweisung in der Handschrift Büchners zur Umstellung der Szenen IV,1 und IV,2 in ihrem emendierten Text eigensinnigerweise nicht aus. Damit verlassen sie ihre Vorlage und folgen darin dem verstümmelten Erstdruck von 1835. Mayers Vermutung, die er nun in einer, nicht allein von mir nicht nachvollziehbaren, Tinten-Unterscheidung bestätigt sehen möchte, besagt, die Umstellung in der Handschrift sei von Büchner nicht schon im Zuge der Niederschrift vorgenommen worden, sondern erst irgendwann nach dem Druck, nachdem er das Manuskript zurückerhalten hatte. Unsere Beurteilung steht dem entgegen (s. o.). Auch die mir bisher bekannt gewordenen Rezensionen des Marburger Danton sehen in dem ungerechtfertigten groben Text-Eingriff die Crux dieser Edition (Seitenblick).

Zuletzt verlangt auch die andere von Mayer noch angedeutete Kritik, die den Vergleichstext Oberlins zu Lenz in unserem Quellenanhang betrifft, noch eine richtigstellende Bemerkung. Die Denunzierung unseres Oberlin-Textes nach dem zweiten von August Stöber besorgten Druck von 1839 (d2) als diplomatisch nachgedruckten Unsinn kann nur peinlich auf den Denunzianten zurückfallen. Nicht wir sind es, die den Anschluß an den maßgeblichen Erkenntnisstand verpaßt haben, sondern er. Das Original des Berichts von Oberlin (H*) ist verschollen. Seit den 80er Jahren geht man in Marburg mit Hubert Gersch davon aus, Büchner habe als Quelle eine Abschrift vorgelegen, die eine Zwischenstufe zwischen einer von Gersch u. a. aufgefundenen Schreiber-Handschrift (H) mit eigenhändigen Korrekturen Oberlins und dem, wie man behauptet, nach Büchners Tod arg redaktionell verdorbenen Druck Stöbers (d2) darstellte, der demnach durch H zu relativieren sei. Nun hat aber eine von Michael Will (‚Autopsie’ und ‚reproduktive Phantasie’. Quellenstudien zu Georg Büchners Erzählung ‚Lenz’, Würzburg 2000) vorgelegte gründliche Analyse sämtlicher Abweichungen zwischen dem Oberlin-Bericht in der Schreiberhandschrift (H) und in den Drucken Stöbers von 1839 und 1842 (d2 und d3) die weitaus größte Nähe von Büchners Erzähltext zu Stöbers Druck d2 nachgewiesen und die von Marburg zum Dogma erhobene Überschätzung des von Gersch und anderen entdeckten Manuskripts überzeugend entkräftet. Wills Fazit: "An keiner Stelle hielt die behauptete Relevanz von H der umfassenden kritischen Überprüfung stand. Demgegenüber bewies der Textzeuge d2 mit Büchners Lenz eine derart große Verwandtschaft, daß die Handschrift H zwar nach wie vor als ein für die Textgeschichte des Oberlin-Berichts interessantes Dokument gelten darf, für die Quellenkritik von Büchners Lenz aber nur eine untergeordnete Rolle spielt." (S.112.) Der äußerst defekte Text des Manuskripts, das ein französischsprachiger Schreiber, der die deutsche Sprache nicht beherrschte, offenbar als Diktatniederschrift anfertigte, ist in allen Vergleichspunkten so weit entfernt von der Abschrift, die Büchner benutzt haben muß, daß er "für den direkten Textvergleich mit Büchners Lenz nicht zu verwenden ist" (ebd.). Da d2 "zweifellos den besseren Text bietet, spricht alles dafür, in Zukunft diese Textfassung allen textkritischen und interpretatorischen Vergleichen mit Büchners Lenz zugrunde zu legen" (ebd. S.117).

Die Benutzer unserer Ausgabe können demnach in dem Punkt sicher sein, mit der von Stöber 1839 veröffentlichten Fassung des Oberlin-Berichts (d2) die einzig geeignete Vergleichsbasis für einen Einblick in Büchners Quellenverarbeitung in seiner Erzählung zur Verfügung zu haben und nicht einem voreilig für verbindlich erklärten Forschungsstand aufzusitzen. Den Herausgebern des für 2001 angekündigten Lenz-Bandes der Marburger Ausgabe wird nichts anderes übrig bleiben, als sich umgehend auf den Boden der Tatsachen zurückzubegeben. Den spekulativen Vorüberlegungen Dedners zur Textkonstitution (s. Büchner-Jahrbuch 8), die das Schlimmste befürchten ließen, haben die kritischen Einwendungen von Herbert Wender (s. Lenz-Jahrbuch 6 und Büchner-Jahrbuch 9) und mehr noch die von Michael Will ohnehin schon vorab den Boden entzogen. Der angekündigten hyperkritischen "Dekonstruktion" des Textes, die angeblich "konzeptionell überholte" Teile des Erzähltextes als ungültig demontieren und lediglich noch als "Paralipomena" gelten lassen soll, bleibt der Lesewelt hoffentlich erspart, nachdem durch das philologische Verwirrspiel um Lenz sowie um Woyzeck ohnehin genügend Irritation verbreitet worden ist. Alle textuellen Unstimmigkeiten zusammengenommen, die sich aus der unabgeschlossenen Arbeit Büchners an seiner Erzählung ergeben, ändern nichts an der Tatsache, daß wir allein auf Karl Gutzkows postume Erstveröffentlichung nach einer ebenso wie die Originalhandschrift des Autors nicht erhaltenen Abschrift von Wilhelmine Jaeglé angewiesen sind, wenn wir den Werkcharakter des Textes, mit dem die moderne Erzählliteratur beginnt, nicht verantwortungslos zur Disposition stellen wollen. Unter strikter Enthaltung jeder unnötigen Polemik kommt Will nach minutiöser Prüfung der Argumentation Dedners zu einer in der Sache vernichtenden Beurteilung der Anmaßung, den durch Gutzkows Erstdruck überlieferten Text "auf der Basis von derart fragwürdigen Indizien in ‚gültige’ und ‚konzeptionell überholte’, bzw. anderweitig ‚verbrauchte’ Passagen aufzuteilen" (S. 334). Auch mit unserer editorischen Grundsatzentscheidung, in der Wiedergabe von Büchners Erzähltext prinzipiell uneingeschränkt Gutzkows Erstdruck zu folgen, befinden wir uns also in Übereinstimmung mit der Quintessenz des aktuellen Erkenntnisstandes. Mit Wills Kritik (S. 282) an unsere Adresse, von vier Auslassungspunkten in der Vorlage inkonsequenterweise einen zu wenig wiedergegeben zu haben (Bd. 1, S. 227,7), können wir vor diesem Hintergrund bis zu einer revidierten Auflage leben.

Die geringe Substanz der Kritik Mayers in den angehängten Nachweisen zu seiner Pauschalverurteilung unserer Ausgabe (der zweite Band fällt ganz unerwähnt einfach mit darunter) steht in einem so krassen Mißverhältnis zur Schwere des Vorwurfs, daß der Verfasser sich wohl gesagt haben muß, wer liest schon alle die vielen langen Fußnoten bis zu Ende! Eine andere Fußnote im selben Band, in der Mayer sich als Meister dieses Genres selbst bespiegelt, kann vielleicht am besten Aufschluß geben: "Ich sage das Nötige in einer Fußnote: Niemand ist gezwungen, Fußnoten zu lesen; aber tatsächliche Fußnoten lassen Belege leichter erschließen [...] Und die Vorzüge der argumentierenden Fußnote gegenüber dem Behauptungs- oder gar suggerierenden Stil sind bekannt und unumstritten." (S. 497, Fußnote 390.) - Dem will ich nicht widersprechen. So treuherzig kann nur einer reden, der "seit 1979 wesentliche Erkenntnisse nicht zu revidieren hatte" (S. 495, Fußnote 387) und nichts zu verbergen braucht.

Aber Mayer verschweigt da doch einen besonders praktischen Vorteil von Fußnoten, die gar nicht gelesen werden müssen: Sie können je nach Bedarf in anderen Publikationen, wiederum in Fußnoten, zitiert werden, so daß dann, z. B., ohne weiteres von "die über 400 gravierenden Fehler aller Kategorien" in Poschmanns Edition als von etwas schon Nachgewiesenem weitergeredet werden kann. Das erspart umständliches Prüfen und die Botschaft verbreitet sich so ganz von selbst; ein einfacher Hinweis in der Art von "vgl. Bockelmann ..." genügt. Man kann damit, ohne sich "wortlose Umgehung" (ebd., S. 470) oder sogar "prinzipielle Ignorierung" (ebd., S. 477) nachsagen lassen zu müssen, die Beachtung unpassender Publikationen, wenn nicht ganzer Forschungsrichtungen, überflüssig machen. Studierende bedankt Euch!

Das hört sich so vielleicht ganz lustig an, ist es aber nicht. Genau dies ist ja die Methode, mit der auch Burghard Dedner ungeniert das Feld für den Vorherrschaftsanspruch Marburgs bereinigt, wenn er im Falle der Woyzeck-Philologie in seiner Reclam-Studienausgabe 1999 meine Einzelausgabe von 1984 gar nicht einmal nennt, von deren Neuerungen er S. 187, Fußnote 13, dessen ungeachtet behauptet, "Poschmanns Annahmen werden von Thomas Michael Mayer (s. Anm. 2) diskutiert und aufgrund des verwendeten Papiers m. E. zwingend widerlegt", und (in Fußnote 2, S. 176) als Quelle das Büchner-Jahrbuch 9 angibt, das erst ein Jahr später erschien (s. Kontroverse 4). Erledigt ist erledigt, egal, ob die Widerlegung schon 3 oder 4 Jahre vor dem Widerlegten erschien, oder ob sie auch 16 Jahre nach dem Widerlegten noch gar nicht gedruckt ist - es genügt, daß eine Fußnote sie verbürgt. Je pauschaler, um so besser, da ist der Leser unter der Hand gleich vorbeugend gegen andere Spielarten von "Poschmanns Annahmen" geimpft, die ihm erst in zukünftigen Publikationen eventuell noch begegnen könnten.

Inzwischen kann man die von Dedner im voraus als "zwingend" beglaubigte Widerlegung meiner den Text- und Entstehungszusammenhang der Woyzeck-Handschriften betreffenden Annahmen in Mayers Beitrag Zur Datierung von Georg Büchners philosophischen Skripten und ‘Woyzeck’ H3,1 nachlesen (GBJb 9, S. 281-329). Ich werde mich dazu speziell auf einem anderem Blatt äußern. Nur soviel nehme ich davon an dieser Stelle schon vorweg: Erstens trifft Dedners Angabe, die betreffenden "Annahmen" von mir würden von Mayer in seinem Beitrag diskutiert, nicht zu. Mayer argumentiert ausschließlich auf der Basis von "Indizien" im Rahmen einer Papiersorten-Untersuchung. Auf die textuellen Kriterien inhaltlicher und formaler Art, auf die meine Argumentation sich über die Beobachtungen am Material der Handschriften hinaus stützt, geht er überhaupt nicht ein. Zweitens bleibt Mayer, wie ich zeigen werde, einen schlüssigen Beweis auch auf der Ebene rein materieller Indizien schuldig.

***

Außerhalb des Kartells mehren sich die Stimmen von Fachkollegen gegen die negativen Entwicklungen und lähmenden Konfrontationen in der Büchner-Forschung. In den Grundlinien deckt sich die oftmals nur privatim, nun aber auch zunehmend öffentlich geäußerte Kritik, aus unterschiedlicher bitterer Erfahrung veranlaßt, mit den Kernpunkten meiner Beschwerden, von denen die hier dokumentierte Kontroverse ausging.

Zurückhaltend im Ton, jedoch deutlich in der Sache hat Michael Will in dem einleitenden Forschungsüberblick zu seinen Quellenuntersuchungen zu Lenz die Auswirkungen der hegemonialen Position der Marburger Büchner-Forschungsstelle, die deren führende Vertreter für sich in Anspruch nehmen, beklagt. Mit Blick auf die in dem abgesteckten Gelände lauernden Kollisionsgefahren, die eine unabhängige Forschungsinitiative zu gewärtigen hat, macht er aufmerksam auf das "Risiko, das darin besteht, trotz einer solchen Dominanz und trotz vielfältiger Publikationsankündigungen [Anmerkung von Will: Hierzu zählen auch äußerst kontraproduktive ‚blinde’ Ankündigungen, mit denen offensichtlich Forschungsterrain abgesteckt und vor anderweitiger Bearbeitung geschützt werden sollte, denen aber zum Teil auch ganze Dezenien später kein lesbares Ergebnis gefolgt ist] einen eigenen Ansatz zu wagen, bei dessen Realisierung nicht die Mittel und Wege einer Forschungsinstitution zur Verfügung stehen" (S. 21f.). Von der aufgeregten und "in vielen Fällen auch persönlich verletzenden und diffamierenden Art des wissenschaftlichen Umgangs, die in den letzten Jahren in der Büchner-Forschung zu beobachten ist", - wie namentlich in den "Attacken Thomas Michael Mayers", ungerechtfertigten Etikettierungen und Unterstellungen von Burghard Dedner – ist auch Will während der Arbeit an seinem Projekt, wie er mitteilt, "nicht verschont" geblieben, bei aller Konzilianz und Kooperationsbereitschaft seinerseits. So kommt er in einer Schadenbilanz mit Bezug auf das "in den einschlägigen Fußnotenkriegen zutage tretende Unfehlbarkeitsdogma einzelner Fachvertreter" zu dem Resultat: "Man könnte in diesem Phänomen lediglich die ‚grimmassierenden Züge einer Wissenschaftssatire’ [Harro Zimmermann] erkennen, wenn es nicht die bedauerliche Folge hätte, daß die Dynamik, die der Büchner-Forschung bis zum Ende der 80er Jahre eigen war, stark unter solchen Reibungsverlusten gelitten hat, und daß die Kooperation auf einzelnen Forschungsgebieten nahezu unmöglich geworden ist." (Ebd. S. 23.)