Georg Büchner
Dichtung, Politik, Wissenschaft, Briefwechsel

   

Home
Zur Ausgabe
Herausgeber
Kurz notiert
Korrekturen
Rezensionen
Kontroverse
Presseecho

Reaktionen

Seitenblick

Links
Kontakt

Presseecho

Nach den negativen Besprechungen der ersten Teilbände der Marburger Büchner-Ausgabe mit Danton's Tod (siehe Seitenblick) in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 12.12.2000 (Wirtz) und im SPIEGEL 51 am 16.12.2000 (Saltzwedel), sowie auch in Radio Bremen am 16.4.2001 (Hauschild) breitete sich seit Anfang Juli 2001 eine neue Welle der Kritik an der Forschungs- und Vereinspolitik der Büchner-Gesellschaft und -Forschungsstelle an der Universität Marburg in der Öffentlichkeit aus.

Die Deutsche Presseagentur informierte am 2.7.2001 mit der Meldung: "Forscher verlassen aus Protest Georg-Büchner-Gesellschaft"

Im Rundfunk wurde die dpa-Meldung am gleichen Tag von drei Regionalsendern verbreitet. Zudem sendete der SWR 2 am 3.7.2001 ein Gespräch mit Jan-Christoph Hauschild zum Hintergrund der Kontroversen.

Regionale und überregionale Tageszeitungen gaben die dpa-Meldung, z.T. mit geringfügigen Abweichungen, weiter:

Frankfurter Rundschau vom 3.7.2001:"Georg-Büchner-Gesellschaft. Streit sorgt für Austritte von Forschern";

Netzeitung, vom 3.7.2001: "Eklat bei der Büchner-Gesellschaft. Streit unter Deutschlands Büchner-Experten: Mit ihrem Austritt protestieren namhafte Wissenschaftler gegen die Politik der Büchner-Gesellschaft";

Main-Rheiner vom 3.7.2001: "Forscher streiten heftig um Büchner",

Thüringische Landeszeitung vom 3.7.2001: "Zu enge Verquickung. Forscher verlassen aus Protest Georg-Büchner-Gesellschaft".

Eine Kurzmeldung in der Westdeutschen Zeitung vom 3. 7. 2001 bringt die Fakten schlüssig durcheinander, indem sie kurz und bündig zusammenfaßt: "Jan-Christoph Hauschild, Düsseldorfer Büchner-Biograf, hat nach Henri Poschmann und Herbert Wender seine Mitarbeit in der Büchner-Gesamtausgabe im Deutschen Klassiker Verlag wegen Differenzen mit der Büchner-Gesellschaft gekündigt."

 

Die folgenden Zeitungen gingen mit eigenen Beiträgen, die hier, anschließend an den Text der dpa-Meldung, dokumentiert werden, auf das Thema ein:

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5.7.2001: "Wir Philologen. Streit in der Georg-Büchner-Gesellschaft";

Oberhessische Presse vom 12.7.2001: "Streit um Forschung zu Büchner" von Manfred Hitzeroth;

Saarbrücker Zeitung vom 12.7.2001: "Nur Philologengezänk? Von Gesamtausgaben, Klüngel und angeblichen Intrigen. Warum die Büchner-Gesellschaft in Verruf geraten ist und mehrere Büchner-Forscher inzwischen ihren Austritt erklärt haben". Von Christoph Schreiner.

Frankfurter Rundschau vom 17.7.2001: "Der philologische Ego-Trip. Über die Paralyse der Georg Büchner-Gesellschaft". Von Heribert Kuhn.

Süddeutsche Zeitung vom 22.2.2002: "Der Himmel ist leer. Fußnotenkrieg: Wie die Philologen um Georg Büchner streiten". Von Michael Ott.

 

dpa, 2. Juli 2001:

Forscher verlassen aus Protest Georg-Büchner-Gesellschaft

Marburg/Saarbrücken (dpa) - Im Streit um die wissenschaftliche Linie der Georg-Büchner-Gesellschaft in Marburg sind mehrere Forscher aus der Gesellschaft ausgetreten. Nach dem Herausgeber der Büchner-Gesamtausgabe im Deutschen Klassiker Verlag, Henri Poschmann (Weimar), und dem Saarbrücker Büchner-Spezialisten Herbert Wender habe am Sonntag auch der Düsseldorfer Büchner-Biograf Jan-Christoph Hauschild seine Kündigung eingereicht. Dies teilte Wender am Montag der dpa in Frankfurt mit.

Der Vorsitzende der Büchner-Gesellschaft, Prof. Burghard Dedner, sagte dagegen, bei dem Streit gehe es weniger um wissenschaftliche Fragen als um «verletzte wissenschaftliche Eitelkeiten». Von den 350 Mitgliedern der Gesellschaft seien bisher nur fünf aus Protest ausgetreten, von daher handele es sich bei den Kritikern um «Einzelstimmen».

Die Forscher kritisieren eine zu enge Verquickung der Büchner-Gesellschaft mit der Büchner-Forschungsstelle an der Marburger Philipps-Universität. Die Forschungsstelle arbeite an einer eigenen historisch-kritischen Büchner-Edition, daher torpediere die Büchner-Gesellschaft seit Jahren die Veröffentlichungen anderer Forscher, kritisierte Wender. «Was von der Konkurrenz kommt, wird entweder ignoriert oder schlecht gemacht.»

Dedner, der zugleich Leiter der Uni-Forschungsstelle ist, wies die Vorwürfe zurück. Die Büchner-Gesellschaft torpediere keine Forschungsergebnisse, beispielsweise habe die Gesellschaft Poschmann seinerzeit an den Frankfurter Verlag vermittelt. Vielmehr habe Wender seinerseits angekündigt, alles unternehmen zu wollen, um die Edition der Forschungsstelle zu verhindern.

Auch der Vorwurf, die Büchner-Gesellschaft drucke kritische Beiträge nicht in ihrem Jahrbuch ab, sei haltlos. Wender habe erst kürzlich zwei Aufsätze im Jahrbuch veröffentlicht. Das «Kesseltreiben gegen uns» erklärt sich Dedner mit Profilierungsstreben und der Konkurrenz um Forschungsgelder. «Büchner ist ein enges Forschungsfeld, auf dem sich viele tummeln.» Bedauerlicherweise sei die an sich wünschenswerte wissenschaftliche Auseinandersetzung über Büchner im Verlauf des Streits auf eine persönliche Ebene gezogen worden. Einer wissenschaftlichen Gesellschaft sei dies nicht würdig, sagte Dedner. dpa np yyhe mh 021637 Jul 01     

nach oben


 

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. Juli 2001:

Wir Philologen

Streit in der Georg-Büchner-Gesellschaft

Um die Georg-Büchner-Gesellschaft und die Marburger Büchner-Forschungsstelle ist ein Streit entbrannt. Nachdem vor anderthalb Jahren der Weimarer Henri Poschmann die Gesellschaft verlassen hatte, erklärte vor einem halben Jahr der Saarbrücker Büchner-Forscher Herbert Wender seinen Austritt aus der Gesellschaft. Am vergangenen Sonntag folgte ihm der Büchner-Biograph Jan Christoph Hauschild. Die Kritiker, so Wender in einer Erklärung, beanstanden eine "zu enge Verquickung der Büchner-Gesellschaft mit der universitären Forschungsstelle". Man habe von Marburg aus, wo an einer historisch-kritischen Edition gearbeitet wird, die Veröffentlichungen anderer Forscher "torpediert", kritisierte Wender. "Was von der Konkurrenz kommt, wird entweder ignoriert oder schlecht gemacht." Der Leiter der Marburger Forschungsstelle, Burghard Dedner, wies gegenüber dieser Zeitung die Vorwürfe Wenders zurück. Nicht nur seien die wissenschaftlichen Leistungen der Marburger Büchnerforschung international anerkannt. Auch den Kritikern habe man selbstverständlich wiederholt im Jahrbuch der Gesellschaft Raum gegeben. Die enge Verbindung einer literarischen Gesellschaft mit universitären Forschungsstellen oder Archiven sei kein Marburger Spezifikum, sondern auch andernorts, etwa bei der Heine- oder der Schiller-Gesellschaft, durchaus üblich. Von einer "Torpedierung" anderer Gelehrter könne keine Rede sein. Gerade Poschmann sei von der Marburger Forschungsstelle an den Frankfurter Klassiker-Verlag vermittelt worden, wo er Büchners Werke herausgab. Vergeblich habe man Poschmann immer wieder zu Diskussionsbeiträgen über die kontroversen Forschungsergebnisse der Marburger eingeladen. F.A.Z.

nach oben


 

Oberhessische Presse, 12. Juli 2001

Streit um Forschung zu Büchner

Marburg. Eine wissenschaftliche Kontroverse in der Marburger Büchner-Gesellschaft, deren Vorsitzender der Germanistik-Professor Burghard Dedner ist, hat zu drei Austritten prominenter Büchner-Forscher geführt. "Rufmordanschlag der niederträchtigsten Art": So lautet einer der Vorwürfe des ausgetretenen Forschers Henri Poschmann (Weimar). "Verletzte wissenschaftliche Eitelkeiten" sieht hingegen Dedner.


DAS THEMA: Streit in der Büchner-Forschung

Marburg. Der Austritt von drei Büchner-Forschern aus der Büchner-Gesellschaft mit Sitz in Marburg ist das Resultat jahrelanger Streitigkeiten, die mit wissenschaftlichen Kontroversen begannen und mittlerweile auch in persönliche Fehden ausarteten. "Die Büchner-Forschung ist ein Schlachtfeld" schrieb beispielsweise die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" in einem Artikel über die ersten vier Bände der historisch-kritischen Werkausgabe.

Eine ausführliche Darstellung der Kontroversen im Internet sowie Debatten in Jahrbüchern und Artikel in überregionalen Zeitungen zeigen die Vielfalt der geführten Auseinandersetzungen. Anfang Juli wandte sich Herbert Wender, einer der ausgetretenen Forscher, mit seinen Vorwürfen an die "Deutsche Presseagentur" Er kritisiert vor allem eine zu enge Verquickung von Büchner-Gesellschaft und Büchner-Forschungsstelle.

Die Büchner-Forschung befasst sich mit dem Werk des radikaldemokratischen Dichters Georg Büchner (1813 bis 1837), Verfasser so bedeutender Dramen wie "Woyzeck" oder "Dantons Tod"


 

Germanisten fahren "schwere Geschütze" gegeneinander auf

Scharfe wissenschaftliche Kontroversen in Forschung zu Georg Büchner

Fortsetzung von Seite l von Manfred Hitzeroth

"Die Kontroversen der Büchner-Forscher werden traditionell immer grundsätzlich und mit viel Lust am Streit ausgetragen", sagt der Marburger Germanistik-Professor Burghard Dedner, Leiter der Büchner-Gesellschaft und der Büchner-Forschungsstelle (siehe "Stichwort"). Schließlich sei der Gegenstand dafür auch geeignet. Die Interpretation des kurzen Lebens und Schreibens des Schriftstellers Georg Büchner ("Woyzeck", "Lenz") und Autors des "Hessischen Landboten" (mit dem berühmten Ausspruch "Friede den Hütten, Krieg den Palästen") sei schon immer unter den Linken stark umstritten gewesen.

Doch die Anwürfe der ehemaligen Gesellschaftsmitglieder und jetzigen scharfen Gegner Poschmann, Hauschild und Wender gegen die Arbeit in der Marburger Forschungsstelle gehen Dedner dann doch zu weit. "Die Kritik soll uns schädigen" sagt Dedner. Nach seiner Vermutung sollen die in polemischer Form vorgetragenen Vorwürfe dazu dienen, dass die Geldgeber der in Marburg begonnenen historisch-kritischen Gesamtausgabe die Finanzierung einstellen oder stoppen. Nach jahrelanger Förderung durch die "Deutsche Forschungsgemeinschaft" kommt der Großteil des Geldes derzeit von der "Akademie der Wissenschaft und der Literaturen" (Mainz).

Die Gegner fahren schwere Geschütze auf. "Rufmordanschlag der niederträchtigsten Art" oder "geradezu legalisierter Terrorismus, der ohne Untersuchung und sogar ohne Anklage kurzen Prozess macht": Anschuldigungen wie diese erhebt Henri Poschmann, Büchner-Experte aus Weimar, vor allem gegen Dr. Thomas Michael Mayer, Mitarbeiter und Mitbegründer der Forschungsstelle Marburg.

Verärgert ist Poschmann vor allem über eine Kurzkritik von Mayer gegen seine zweibändige Gesamtausgabe, die in der Klassiker-Edition im Insel-Verlag erschienen ist. Mit den Worten "wissenschaftlich nicht zitierbar" wird die Poschmann-Ausgabe im aktuellen Büchner-Jahrbuch (2000) sozusagen "abgebürstet". Rund 400 Fehler seien darin zu finden, behauptet Mayer. "Wieso hat er dann nur vier Fehler aufgezählt, davon drei Zeichenfehler", fragt Poschmann. Die vier Fehler seien beispielhaft gemeint gewesen, sagte Mayer gegenüber der OP. Er will die Aufzählung der weiteren Fehler nun in einem weiteren Aufsatz in Angriff nehmen.

Besonders erbost ist Poschmann darüber, dass die Kritik nur in einer Fußnote eines mehr als 100-seitigen Aufsatzes zu finden ist, in dem Mayer vorwiegend die Büchner-Biographie des Düsseldorfer Forschers Jan-Christoph Hauschild angreift.

Entsetzt zeigte sich Poschmann allerdings auch über eine ausführliche und vernichtende Kritik seiner zweibändigen Büchner-Ausgabe in der "FAZ" durch Eske Bockelmann, einen ehemaligen Mitarbeiter der Forschungsstelle. "Die verleumderische Attacke erfolgte mit Schützenhilfe der Büchner-Forschungsstelle", beklagt sich Poschmann. Doch Dedner und Mayer weisen in diesem Punkt jede Schuld von sich. Weder hätten sie Bockelmann mit der Kritik beauftragt, noch habe dieser Hintergrundinformationen als "Munition" erhalten, die über übliche Sachauskünfte hinausgegangen seien.

Für Professor Dedner stecken hinter den Polemiken "verletzte wissenschaftliche Eitelkeiten" und eine zehn Jahre alte wissenschaftliche Kontroverse, in der er die Marburger Forschungsstelle im Recht sieht. Dabei gehe es vor allem um Editionsprinzipien und die Frage, ob im "Woyzeck" Dialekt gesprochen werde oder nicht. In Marburg sei herausgefunden worden, dass in dem Dramentext anstelle eines Dialekts die Hochsprache gesprochen werde. Poschmanns Übertragungen der Handschriften würden die Sprache in ein "Kunsthessisch" verwandeln. Poschmann hält dagegen, diese Einwände seien "übergeschnappte Polemiken".

Grundsätzliches Ignorieren oder Schlechtmachen der Ergebnisse anderer Forscher wirft Büchner-Forscher Herbert Wender aus Saarbrücken seinen Kontrahenten Dedner und Mayer vor. Dedner sieht für Wenders Verärgerung vor allem einen Richtungsstreit in der Beurteilung von Büchners Drama "Dantons Tod" als Grund. Daraus sei auch seine Ankündigung auf der letzten Mitgliederversammlung erwachsen, "die Marburger Danton-Ausgabe bis aufs letzte zu bekämpfen". Dritter im Bunde der ausgetretenen Büchner-Forscher ist der Düsseldorfer Jan-Christoph Hauschild. "Wissenschaftliche Differenzen in nahezu allen Fragen" haben die Marburger Forscher mit dem Verfasser einer Büchner-Biographie.

_________________________________________________________________________

STICHWORT: Büchner-Forschungsstelle und Büchner-Gesellschaft

Die von Professor Burghard Dedner geleitete "Forschungsstelle Georg Büchner" ist seit 1980 an der Philipps-Universität angesiedelt und beschäftigt sich mit "Literatur und Geschichte des Vormärz (insbesondere in Hessen). Dabei stehen die Erforschung von Büchners Leben, Werk und Wirkung im Mittelpunkt der Arbeit.

Die Forschungsstelle arbeitet in Fragen von Sammlung, Forschung, Edition und Veranstaltungen eng mit der Büchner-Gesellschaft zusammen. Ziele der 1979 von Wissenschaftlern wie Thomas Michael Mayer gegründeten Gesellschaft sind unter anderem das Hinwirken auf eine vollständige Dokumentation der Quellen zu Leben, Werk und Rezeption Büchners sowie die Förderung der Forschungsdiskussion und der Kontakt zwischen Forschung und Öffentlichkeit. Neben Wissenschaftlern gehören auch Lehrer, Volkshochschul-Mitarbeiter und Büchner-Liebhaber zu den momentan 365 Mitgliedern der Gesellschaft. Von Forschungsstelle und Büchner-Gesellschaft wurden bisher neun Jahrbücher herausgegeben: Diese Jahrbücher sollen als aktuelles Forum der einschlägigen Büchner-Forschung auf der ganzen Welt dienen.

In der Forschungsstelle gibt es eine Bibliothek mit umfangreichen Archiv- und Buchbeständen. Diese bieten eine wichtige Grundlage für die auf 18 Bände angelegte historisch-kritische Gesamtausgabe. Die im vergangenen Jahr erschienenen ersten vier Bände konzentrieren sich 1640 Seiten lang auf Büchners Erstlingswerk "Dantons Tod". Neben einer Reinschrift mit einer Lesehilfe sind beispielsweise auch Zensurstreichungen und die Auflistung von Druckfehlern darin versammelt. Die historisch-kritische Ausgabe, die 2012 - ein Jahr vor Büchners 200. Geburtstag - beendet sein soll, ist nach den Worten von Forschungsstellenleiter Burghard Dedner als eine Art "Dauerausstellung in Buchform" gedacht.

nach oben


 

Saarbrücker Zeitung, 12. Juli 2001:

Nur Philologengezänk?

Von Gesamtausgaben, Klüngel und angeblichen Intrigen.

Warum die Büchner-Gesellschaft in Verruf geraten ist und mehrere Büchner-Forscher inzwischen ihren Austritt erklärt haben. Von Christoph Schreiner

Schon seit einem Jahr lag dunkles Gewölk über der Marburger Georg-Büchner-Gesellschaft. Was zunächst im einen oder anderen Philologenwinkel grummelte und sich dann über den Elfenbeintürmen zusammengebraut hat, das fand nun seine öffentlichkeitswirksame Entladung: Zwei Büchnerianer sind dieser Tage unter lautem Türenschlagen aus der Gesellschaft ausgetreten. Nr 4 und 5 seit dem letzten Jahr. Das Klima ist vergiftet, der Ring für private Schaukämpfe frei (beim Büchner-Spezialisten Henri Poschmann unter www.georg-buechner-online.de nachzulesen). Warum?

Die Gilde der Büchner-Forscher liegt schon seit geraumer Zeit über Kreuz. Seitdem der 1979 gegründeten, in Marburg ansässigen Büchner-Gesellschaft vorgeworfen wird, die an der dortigen Universität beheimatete Büchner-Forschungsstelle zum Nachteil anderer Büchnerexperten zu begünstigen. Der Saarbrücker Büchnerforscher Herbert Wender, der mit zu den Ausgetretenen gehört, wirft der Marburger Forschungsstelle, die erst mit Geldern der Deutschen Forschungsgemeinschaft und inzwischen der Akademie der Wissenschaften Mainz seit 1987 eine historisch-kritische Büchner-Ausgabe herausgibt, Parteinahme vor: "Was von der Konkurrenz kommt, wird entweder ignoriert oder schlechtgemacht", moniert Wender. In Marburg quittiert man derlei mit Kopfschütteln. Nein, den Austritt Wenders bedauere er nicht, sagt Burghard Dedner, Vorsitzender der Büchner-Gesellschaft und in Personalunion auch Leiter der Büchner-Forschungsstelle. Wender habe versucht, "die Büchner-Gesellschaft zu zerstören". Mittlerweile sei da "ein Kleinkrieg entstanden, der längst ins Persönliche geht", resümiert Thomas Michael Mayer, mit Dedner Herausgeber der historisch-kritischen Büchner-Ausgabe.

Willkommener Anlass des Disputs war zunächst eine von der Büchner-Gesellschaft über Jahre hinweg übergangene zweibändige, im Deutschen Klassikerverlag erschienene Büchner-Edition des Weimarer Büchner-Forschers Henri Poschmann. Im Jahrbuch der Büchner-Gesellschaft fand sich kein Raum für eine Kritik dieser verschiedentlich als "bisher umfassendste Büchner-Gesamtausgabe" apostrophierten Arbeit. Dedner weist darauf hin, das Jahrbuch müsse inzwischen auf Rezensionen verzichten. Doch für eine polemische Attacke gegen die Büchner-Biografie Jan-Christoph Hauschilds war andererseits Platz - aus der Feder von Thomas M. Mayer. Hauschild wiederum, der auch eine umfangreiche Edition von Büchners Briefwechsel auf den Weg brachte, gehört bekanntermaßen zu den schärfsten Kritikern der Marburger und ihres auf 18 Bände angelegten Büchner-Editionsprojekts. "Wer Goethe auf diese Weise edieren wollte, brauchte locker mehr als tausend Bände" höhnte Hauschild, der wie Wender der Büchner-Gesellschaft den Rücken gekehrt hat, vor einiger Zeit im "Spiegel". Alles nur ein philologisches Pingpong-Spiel nach dem Motto "Zahn um Zahn"?

Allein "Dantons Tod" wuchs sich unter den akribischen Händen der Marburger MonumentaI-Textexegeten auf vier Bände und 1640 Seiten aus und verzeichnet jeden Klecks, jedes fehlende Komma. Mag man sich über so viel pedantische Textarchäologie auch amüsieren, die Wissenschaft profitierte immer wieder von den Pionierarbeiten historisch-kritischer Werkausgaben, ob man nun an die Frankfurter Hölderin-Ausgabe von Dietrich F. Sattler denkt oder an die Brandenburger Kleist-Ausgabe. Lebenswerke, die zu würdigen zumeist einem kleinen Forscher-Zirkel vorbehalten bleibt. Kaum jemand sonst wühlt sich durch ein die Chronologie der Textentstehung abbildendes, hoch kompliziertes Entzifferungs- und Quellengestrüpp. Ob sich der Erkenntnisgewinn im Falle der Büchner-Ausgabe am Ende einstellen wird, steht noch dahin.

Die Frontkämpfe kennen keinen Fraktionszwang: Hauschild etwa hat Poschmann eine "bis ins Surreale gesteigerte Streitlust" assistiert (sic!). Manches von dem, was da an harschen Worten ins Feld geführt wird, gehört wohl in die Schublade gekränkter Forscherehre. Und doch geht es um mehr: um den Vorwurf der Parteinahme. Den Marburgern wird, was die wiederum völlig absurd finden, unterstellt, die Büchner-Forschung monopolisieren zu wollen. Der Versuch Herbert Wenders, auf der Jahresversammlung der Büchner-Gesellschaft die organisatorische Trennung von der Forschungsstelle zu beantragen, ging ins Leere. Als "Abschiedsgeschenk" hat er den Marburgern einen Sonderdruck seiner philologischen Kritik der "Danton"-Edition hinterlassen. Die Kontroverse kratzt am Image der Forscherzunft "Das wirkt nach", fürchtet selbst der Vorsitzende der Büchner-Gesellschaft, Burghard Dedner.

nach oben


 

Frankfurter Rundschau, 17. Juli 2001

Der philologische Ego-Trip

Über die Paralyse der Georg Büchner-Gesellschaft

Von Heribert Kuhn

1982 erschien von Hartmut Geerken, damals Mitarbeiter des Goethe-Instituts in Athen und bekannt auch als Pilzkundler, ein Buch mit dem Titel sprünge nach rosa hin. Geerken firmierte als Autor, sein Ehrgeiz aber war darauf gerichtet, Handschriften eines anderen zum Leben zu verhelfen und dies mit äußerster Konsequenz. Als Nachlassverwalter Salomon Friedländers, der 1933 nach Paris emigrierte, wo er 1946 auch starb, suchte Geerken die totale Verwandlung zum editorischen Medium des unglücklichen Mynona, wie das auch als Palindrom lesbare Pseudonym Friedländers lautet.

Von dem, was in den 170 handschriftlichen Heften tatsächlich zu lesen ist, erfährt man wenig. Jedoch werden die Schriften des Philosophen in ihrer materiell sinnlichen Erscheinung heraufbeschworen und dem Sensorium des Lesers überantwortet. Geerken bestimmt den optischen, haptischen, ja sogar olfaktorischen Status jedes einzelnen Heftes, und weil ein solches Verfahren abhängig ist von subjektiven Befindlichkeiten des Wahrnehmungsapparates, liefert er als totaler Herausgeber Protokolle seines jeweiligen Apperzeptionszustands: Die Qualität von Licht und Schreibort, die Temperatur, auch der Einfluss von Whisky und Fliegenpilz werden als Parameter der sinnlich-intellektuellen Anverwandlung der Handschriften festgehalten.

Indem Geerken alle Pforten der Wahrnehmung öffnet, glaubt der Leser bald, das Friedländer-Corpus in all seiner Stofflichkeit vor sich zu haben: "das heft hat wie gezählt 100 seiten das karierte papier ist holzhaltig die abgerundeten ecken & die kanten des heftes sind leicht filzig vom vielen brauchen der geruch ist leicht säuerlich wie nach meerwasser & kaltem täuschling & er hat verschiedene Schreibgeräte verwendet oder aber der fluß aus einem von ihnen war unregelmäßig ... innen & außen nichts auch kein fleck der sowieso nicht zu transkribieren war die schrift ist immer auf der flucht in den klecks".

Geerkens "Edition", die die originale Erscheinung eines Werks zu. verdoppeln sucht, stellte seinerzeit die radikalste Verwirklichung des seit Mitte der siebziger Jahre als editionstechnisches Nonplusultra geltenden Verfahrens dar, Dichter-Handschriften in Form von Faksimile-Drucken herauszugeben. Ein ausgeklügeltes Transkriptionssystem stellt dabei sicher, dass die Textentstehung in allen Phasen nachvollzogen werden kann. 1982 lagen von der hierfür initialen Frankfurter Hölderlin-Ausgabe bereits mehrere Bände vor, die demonstrierten, wie Treue dem Werk eines Dichters gegenüber auszusehen habe.

Der Anspruch von Friedrich Beißners Großer Stuttgarter Ausgabe, das Werk Hölderlins zu repräsentieren, war auf demokratieträchtige Weise in Frage gestellt worden: Jede Ermessensentscheidung, die Beißner getroffen hatte, stand neu zur Debatte, weil ihre materielle Basis offengelegt worden war. Vom Pathos dieses am Material orientierten Authentizitismus zehrte Geerkens Buch. Es lieferte zwar kein Faksimile der Mynona-Handschriften, unübertrefflich aber vergegenwärtigte es einen Entdeckungs-, Anverwandlungs- und Wiedererweckungsrausch, der das handschriftliche "Urmaterial" gegen die existenz- und produktionsferne Ignoranz herkömmlicher Herausgeberpraxis aktivieren wollte.

Diesen beflügelnden philologischen Furor vergangener Zeiten muss man berücksichtigen, will man die desaströse Situation verstehen, in der sich inzwischen die Georg Büchner-Gesellschaft befindet. Seit 1980 existiert in Marburg eine Forschungsstelle, die sich die Erarbeitung einer historisch-kritischen Ausgabe zum Ziel setzte, deren Anspruch sich auch aus den Verheißungen der Faksimile-Edition ergab. Das Werk Büchners, dessen Erforschung und Rezeption sich auf eine umstrittene Textgrundlage beziehen müssen, sollte neu herausgegeben werden. Die Mitglieder der Georg Büchner-Gesellschaft waren motiviert; es erschienen Leseausgaben, Textgrundlagen, über die Diskussionen in Gang kamen, und ein Jahrbuch dokumentierte den Gang der Forschung. Mustergültig, wie sich hier ein intellektuelles Kräftefeld organisierte, dem zuzutrauen war, dass es Büchners Werk eine verlässliche textkritische Basis und die angemessene Wirkung verschaffen werde. Inzwischen aber ist in der Forschungsszene geradezu fatalistische Ernüchterung eingekehrt. Geduld gehört zu den unerlässlichen Tugenden des Philologen; und so hätte die Tatsache, dass nach den als "überschaubarem" Editionszeitraum veranschlagten 15 Jahren noch kein einziger Büchner-Band erschienen war, die Loyalität der Forscher gegenüber dem Marburger Projekt nicht unbedingt beschädigen müssen.

Zunehmend für Irritationen sorgte jedoch der Gebrauch, den die beiden Herausgeber der historisch-kritischen Ausgabe, Burghard Dedner und Thomas Michael Mayer, von ihrem Privileg als bestallte Handschriftenprüfer machten. Die im Deutschen Klassiker Verlag erschienene Büchner-Ausgabe Henri Poschmanns, überhaupt wissenschaftliche Beiträge wurden mit dem Hinweis auf anstehende Entdeckungen der im Entstehen begriffenen Edition als irreführend und damit unbrauchbar abgewertet. Vor allem Thomas Michael Mayer kultivierte virtuos die Kunst des Dauer-Suspense: Seit 20 Jahren wacht er über einen umfänglichen historischen Bestand von Proceßakten, aus denen er bei Bedarf zitiert, den aber niemand einsehen darf, Verständlich, dass der Elan anderer Forscher erlahmt, die sich ständig mit einem Material- und Deutungsmonopol konfrontiert sehen, das ihre Beweisführungen und Interpretationen schon vorab marginalisiert. Renommierte Wissenschaftler, so Henri Poschmann, der Düsseldorfer Büchner-Biograf Jan-Christoph Hauschild und der Saarbrücker Büchner-Spezialist Herbert Wender sind denn auch inzwischen aus der Büchner-Gesellschaft ausgetreten.

Inkooperativer Ehrgeiz und Attitüde Einzelner hätten allerdings den Zustand der Lethargie nicht allein herbeiführen können, der die Büchner-Forschung lahmt. Sie finden vielmehr in den Prinzipien einer immer monströser werdenden Editionspraxis ihre vermeintliche Rechtfertigung. Der Handschriftenmaterialismus führte zu einer editorischen Skrupulosität, die den Eindruck vermittelt; eine finale Edition sei eigentlich Verrat am dichterischen Werk. Anders ist nicht zu erklären, dass die Ende letzten Jahres endlich erschienenen vier Bände zu Dantons Tod für Nichtspezialisten praktisch unbenutzbar sind: Ein Register, sonst Standard, fehlt ganz. Die wichtigste Neuerung, eine Szenenumstellung, bleibt ohne Begründung. Der 1600-Seiten-Klotz "sagt" bestenfalls: Alles ist sehr, sehr komplex! Auf 14 Bände ist das Gesamtwerk inzwischen angelegt; 2012 soll es in Gänze vorliegen, mit Band eins ist 2010 (!) zu rechnen.

Die Faksimile-Technik aber, die früher einmal dem Leser Entscheidungen der Spezialisten nachvollziehbar machen sollte, ist mit der Geschichte der Büchner-Edition in Verruf geraten, eine Domäne exklusivitätsbedürftiger Monomanen zu sein, für die Werktreue in der Verhinderung der Wirkung eines Werkes gipfelt.


 

Süddeutsche Zeitung, 22. Februar 2002

Der Himmel ist leer

Fußnotenkrieg: Wie die Philologen um Georg Büchner streiten

Am 19. Februar 1837 starb, nachmittags um halb vier, in einem einfachen Zimmer in der Zürcher Steingasse, die heute Spiegelgasse heißt, der junge Privatdozent Georg Büchner an Typhus: Er hatte sich möglicherweise bei seinen Präparationen mit dem Skalpell infiziert. Was der bei seinem Tod im Exil gerade Dreiundzwanzigjährige noch alles hätte schreiben können, und was er selbst noch aus jenen Manuskripten gemacht hätte, die sich in seinem Nachlaß fanden, kann niemand sagen. Selbst schmal, wie es ist – drei Dramen, eine Novelle, zwei Übersetzungen, fast alle nur Fragment –, wurde sein Werk zu einer Revolution der Literatur.

Obwohl Büchners Geltung unbestritten ist, steht sein Werk seit einiger Zeit wieder im Mittelpunkt heftiger Polemiken. Wenn dieser Tage, 165 Jahre nach seinem Tod, endlich der (erneut verspätete) nächste Band der historisch-kritischen Büchner-Ausgabe mit dem "Lenz"-Fragment erscheint, ist die nächste Runde eines Gelehrtenstreits zu erwarten, der von außen gesehen reichlich absurd anmutet.

Dabei hatte alles so aussichtsreich begonnen. In den siebziger Jahren fingen einige junge Wissenschaftler damit an, die in alten Fronten erstarrte Büchner-Forschung durcheinander zu wirbeln. Nicht mehr um wolkige Phrasen von Büchners "Nihilismus" oder "Fatalismus", um christliche Eingemeindungen oder brave Stilanalysen sollte es gehen, sondern um den Revolutionär, um all die vergessenen historischen Bezüge und Quellen seiner Texte, und – vor allem – um diese Schriften selbst: Kein einziger größerer Text Büchners lag in einer wirklich unproblematischen Ausgabe vor.

Editoren im Untergrund

Also wurden die Büchner-Gesellschaft und, nach einigen Mühen, eine Forschungsstelle in Marburg gegründet und eine Neuausgabe projektiert. Über die Jahre hinweg erschienen dann Dissertationen, ungeheuer viele Aufsätze und etliche Studienausgaben einzelner Texte. Ausgerechnet die Krönung des Ganzen, die historisch-kritische Ausgabe, wurde dann aber Anstoß einer erbitterten Kontroverse. Im Juli 2001 meldete dpa schließlich den erzürnten Austritt von drei renommierten Forschern aus der Georg-Büchner-Gesellschaft. Was also ist passiert?

Äußerer Anlass der Eskalation war im November 2000 das Erscheinen von "Danton’s Tod" als erstem Band der neuen Edition, welche die Marburger Burghard Dedner und Thomas Michael Mayer herausgeben. Damit wurden nicht nur die Wunden eines anderen Büchner-Herausgebers, Henri Poschmann, wieder aufgerissen, und ein alter Interpretationsstreit um das Drama wieder akut. Vor allem nahmen einige Medien die Sache als gute Gelegenheit, sich lustvoll über die verstaubte Philologie mit ihren gelderfressenden Großeditionsprojekten herzumachen. Ein Spiegel-Artikel rechnete den Marburger Editoren vor, dass sie für die Herausgabe eines Textes, den der Autor in fünf.Wochen geschrieben habe, 15 Jahre gebraucht hätten; dass man ihn zudem bei Reclam für vier und bei dtv für sechs Mark bekäme – statt der jetzt fälligen 480 bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, und dass in der "Dünenlandschaft gelehrter Anmerkungen" das Faksimile der Büchner-Handschrift noch das Lesbarste sei.

Leider ist diese witzige Bilanz ziemlicher Unsinn. Büchners Arbeit am Stoff dauerte sicher länger als ein Jahr und ist nur höchst mühsam zu rekonstruieren; die Reclamausgabe (von 1958) ist völlig veraltet, und für sechs Mark bei dtv erhält man erst recht nicht Büchners Text, sondern den seines Erstdrucks von 1835, den der Verleger schon prophylaktisch von allen möglichen politischen und erotischen Anstößigkeiten "reinigte": Dantons berühmtes "Was ist das, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet?" zum Beispiel ist dort nur das, "was in uns lügt, stiehlt und mordet". Diese Ausgabe, die Büchner selbst heftig erzürnte, war "die Ruine einer Verwüstung", wie ihr Redakteur Gutzkow später zerknirscht eingestand, und die Spur dieser Verwüstung zog sich bis heute durch alle Büchner-Ausgaben.

Dantons Not

Gerade um endlich einen authentischen Text von Büchners Revolutionsdrama lesen zu können, bedurfte es – darüber waren sich wohl selbst die streitenden Gelehrten einig – einer kritischen Ausgabe; und deren einzig maßgeblicher "Textzeuge" konnte nur die Handschrift des Autors sein. Doch damit beginnen schon die Probleme. Wie ist hier mit einzelnen kaum entzifferbaren Worten zu verfahren? Gab es nach dieser Handschrift vielleicht noch eine weitere Reinschrift Büchners, die als Druckvorlage diente – hat er also einige der Abweichungen im Druck selbst verlangt? Und was tun mit den Korrekturen, die er selbst noch in Exemplaren des Buches vornahm, welche er – trotz seines Missmuts – zwei Freunden widmete, die aber wiederum vom Text der Handschrift abweichen?

Doch wer nach dem Motto denkt: "Wozu kritische Ausgaben? Bücher kann man doch in der Buchhandlung kaufen", braucht sich um solche komplizierte Fragen nicht zu kümmern. Die flott geschriebene Spiegel-Polemik gab das Niveau der Debatte vor, die schließlich soweit ging, dass den Herausgebern tatsächlich ihre "Skrupulosität" zum Vorwurf gemacht wurde. Da reibt man sich dann doch etwas verwundert die Augen: Ist das nicht im Zweifelsfall die größte Qualität kritischer Editionen?

Freilich: Die Marburger waren nicht nur skrupulös. Sie verwandelten den "Danton" auch in ein Monument von über 1600 Großformatseiten in vier Teilbänden, das zur Erläuterung der Entstehung nicht weniger als die gesamte Biografie Büchners einschließlich Großeltern sowie eine Aufarbeitung hessischer Untergrundbewegungen aufbietet, die einen Verfassungsschützer der siebziger Jahre begeistert hätte.

Das jedoch geschah in der erkennbaren Absicht, nicht nur den Text vorzulegen, sondern auch seine Deutung zu dirigieren. Einige kritische Ausgaben der letzten Zeit haben mit gutem Grund überhaupt auf Kommentare verzichtet; sie sollen ja neue Interpretationen ermöglichen, nicht alte vorschreiben. Im Marburger "Danton" indes wird, und zwar weit über (höchst kenntnisreiche) Sacherläuterungen hinaus, selbst im Editionsbericht fleißig interpretiert. Aber warum zum Beispiel das in der Forschung strittige Verhältnis Büchners zu seinem Vater für die Editionslage des Danton-Textes relevant sein soll, erschließt sich selbst dem gutwilligen Leser nicht.

Kurioses Pseudo-Hessisch

Dem wissenschaftlichen Gegner in diesem Disput aber erschließt es sich natürlich schon gar nicht, und damit war ein erster Sprengsatz gelegt. Der Büchner-Biograph Jan-Christoph Hauschild trat aus der Büchner-Gesellschaft aus, zumal einer der Marburger Herausgeber, Thomas Michael Mayer, im letzten Jahrbuch der Gesellschaft eine geradezu geifernde Polemik gegen seine Arbeiten veröffentlicht hatte. Ebenfalls ausgetreten ist der Saarbrücker Büchner- Forscher Herbert Wender, der eine andere Interpretation des Dramas vertritt, den Marburgern aber auch philologische Fehler und die Unterdrückung abweichender Meinungen vorwirft.

Die Editorenkonkurrenz schließlich motivierte den Austritt Poschmanns schon Ende 1999: Dieser hatte eine große kommentierte Studienausgabe aller Büchner-Texte im Frankfurter Klassiker-Verlag herausgegeben und hielt den Marburgern nun vor, sie würden unendlich träge arbeiten, seine Ausgabe ignorieren oder Rezensenten manipulieren und übernähmen schließlich auch noch seine Erkenntnisse.

Auch hinter diesem Konflikt stecken natürlich Interpretationsfragen. Ein gutes Beispiel bietet der "Woyzeck": Von Büchners letztem Stück sind lediglich einige Handschriften-Konvolute überliefert, die sich zudem überschneiden und alle noch sehr viel schwerer lesbar sind als die Danton-Handschrift: So wurde eine Zeichenfolge schon als "ein Regiment Kastrierte" oder "ein Regiment Kosacken" entziffert.

Hinzu kommt hier aber eine Besonderheit. Büchner hatte wie viele Schreibende die Angewohnheit, Endsilben zu verschleifen, also beispielsweise beim Wort "benennen" die immerhin vierzehn senkrechten Striche, die er in der deutschen Kurrentschrift nach dem "b" dafür gebraucht hätte, auf einige wenige zu reduzieren. Ediert man nun exakt nach der Handschrift, entstehen Sätze wie "Er ersticht mich mit sei Auge", obwohl Büchner sehr wahrscheinlich "seinen Augen" meinte. In vielen neueren Ausgaben – auch der "Münchner Ausgabe" bei dtv – führt dies nun dazu, dass gerade viele Woyzeck-Figuren ein reichlich kurioses Pseudo-Hessisch reden; worauf sich dann Schauspieler vom Boden- bis an die Nordsee vergebens abmühen, diesen vermeintlichen Dialekt zu reproduzieren.

So lebte Kannitverstan hin

Andererseits enthält Büchners "Woyzeck" aber unzweifelhaft Dialekt, wie in "Ich kann nit", und nutzt gerade diese Dialektfärbung zur Kennzeichnung seiner Figuren. Nach welchen Kriterien ist also zu entscheiden? Poschmann hielt sich strikt ans Manuskript, was die Marburger ebenso ablehnten wie seine ziemlich frei aus den Handschriften montierte Lese- und Bühnenfassung. Das Wort "nicht zitierfähig" fiel, was in Editorenkreisen ungefähr die Bedeutung einer Ohrfeige in einem k.u.k.-Offizierskasino hat; und da man sich nicht mehr duellieren kann, traktiert man sich nun im Internet auf diversen Homepages.

In diesem Streit, dessen Fortsetzung anlässlich des jetzt erscheinenden "Lenz"-Bandes fast programmiert ist, geht es jedoch offenbar außer um Eitelkeit auch um Interpretationshoheit und Diskursmacht. Editionen sind Verwaltungsinstanzen des kulturellen Gedächtnisses; sie prägen das Autoren-Bild ganzer Generationen. Statt diese Diskursmacht aber – vielleicht gerade im Sinn Büchners – selbstkritisch zu begrenzen, sehen sich einige Beteiligte anscheinend als Gralshüter seiner einzig richtigen Deutung; kämpferisch und irgendwie seelenverwandt mit ihrem Autor sind sie ja allesamt.

Und so kommt man sich vor, als würden die Forscher den blutigen Disput der Revolutionärsfraktionen aus "Danton’s Tod" noch einmal als Farce nachspielen. Die Büchner- Forschung, früher einmal ein Feld der Innovation und Provokation in der Germanistik, hat nicht nur die Theorieentwicklung der letzten Jahre so ziemlich ignoriert; sie scheint sich auch zu einem Kampfplatz humorloser Rechthaber entwickelt zu haben, deren immenses Detailwissen nur noch unlesbare Polemiken produziert und deren Widerspruchsgeist sich in Fußnotenkriegen austobt.

Die "Revolution ist wie Saturn, sie frißt ihre eignen Kinder", sagt Danton einmal: Vielleicht ist die Edition wirklich revolutionärer Dichter genauso gefräßig.

MICHAEL OTT