Georg Büchner
Dichtung, Politik, Wissenschaft, Briefwechsel

   

Home
Zur Ausgabe
Herausgeber
Kurz notiert
Korrekturen
Rezensionen
Kontroverse
Presseecho

Reaktionen

Seitenblick

Links
Kontakt

Rezension 1
Andreas Müller
Darmstädter Echo, 24.2.1993
[Druckversion / AcrobatReader]

Darmstädter Echo, 24. Februar 1993, Nr. 46

Georg Büchner in hellem Licht

Zur neuen Werkausgabe im Klassiker-Verlag

Darmstadt und Georg Büchner: angeblich gehören sie zusammen. Dabei ist der große deutsche Schriftsteller gar nicht in der Stadt am Woog, sondern am 17. Oktober 1813 in Goddelau geboren worden. Gestorben ist der junge Deutsche schon am 19. Februar 1837 in Zürich - zwei Jahre zuvor hatte er aus Darmstadt flüchten müssen, weil er wegen seiner politischen Schriften steckbrieflich gesucht wurde. Wie gut er mit dieser Flucht beraten war, kann man am Schicksal von Büchners Mitautor Friedrich Ludwig Weidig (der den "Hessischen Landboten" sehr zum Ärger von Büchner entschärft hatte) sehen. Weidig hat man 1837 im Darmstädter Gefängnis zugrundegehen lassen.

Den "Hessischen Landboten" findet man im ersten von zwei Bänden der Werke Büchners, der jetzt im Deutschen Klassiker-Verlag erschienen ist, nicht. Der für das nächste Jahr angekündigte zweite Band wird neben den Schriften und Dokumenten auch Büchners Briefe, die zur Beurteilung dieses jungen Schriftstellers ja besonders wichtig sind, enthalten. Der erste Band versammelt alle Dichtungen Büchners in vorbildlicher Weise. Es ist schwierig, Büchners Werke in eine zuverlässige Form zu bringen - eine Folge nicht zuletzt der Lebensumstände des Autors. Fast jeder Literaturwissenschaftler, der sich mit diesem Werk befaßt hat, hat eigene Vorschläge für die Textgestalt insbesondere des "Woyzeck" gemacht. Bei diesem Drama ist die Situation besonders verzwickt. Es ist ein nachgelassenes Werk, dem Büchner selbst nicht mehr eine endgültige Fassung geben konnte.

Am Beispiel dieses Werkes kann man die vorbildliche Arbeit des Herausgebers beurteilen. Es ist bewunderungswürdig, mit welcher Akribie sich Henri Poschmann in die weitgestreuten, teilweise widersprüchlichen und variantenreichen Forschungsergebnisse hineingearbeitet hat. Dementsprechend gibt es in diesem Band nicht nur einen in sich schlüssigen Vorschlag für eine Lese- und Aufführungsversion des "Woyzeck". Poschmann hat diese "kombinierte Werkfassung" zusätzlich mit ihren Entstehungsstufen ergänzt, und im fast sechshundert Seiten umfassenden Kommentarteil hat der Herausgeber außerdem sämtliche Grundlagen seiner Forschungen und ihrer Ergebnisse ausführlich dargelegt und erläutert.

Dabei wird auf die Überlieferung des Textes genauso eingegangen wie auf seine Entstehung. Der historische Hintergrund ist verständlich und in seiner Verbindung zu Büchner dargelegt, die Quellen Büchners werden herangezogen, dokumentiert und erklärt. Zusätzlich ist auch ein ausführlicher Kommentar zu vielen Textstellen zu finden.

Im vorliegenden Buch richtet sich dieses Engagement nicht nur auf die Herausgabe des "Woyzeck". Sämtlichen Dichtungen Büchners hat man sich mit gleicher Sorgfalt gewidmet, zu jedem Werk findet man einen gleich zuverlässigen Kommentar. Ob dies "Danton's Tod" ist, Büchners Monumentalwerk zur Französischen Revolution, oder "Leonce und Lena", das bittersüße, melancholische und doch vor allem kritische Lustspiel des Autors, oder seine einfühlsame Erzählung "Lenz" über den unglücklichen Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz - all diese epochemachende Schriften sind hier in einer Ausgabe versammelt, deren Akkuratesse nicht genug gelobt werden kann. Zu all diesen Schriften gibt es einen genauso sorgfältig zusammengestellten Kommentarteil wie zum "Woyzeck". Auch Büchners Übersetzungen der beiden Dramen von Victor Hugo, "Lucretia Borgia" und "Maria Tudor" sind in diesem Buch zu finden, ebenfalls ausführlich kommentiert. Das Warten auf den zweiten Band hat begonnen.      

Andreas M ü l l e r

Georg Büchner: Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente, Band l: Dichtungen. Herausgegeben von Henri Poschmann. Deutscher Klassiker-Verlag in Frankfurt, 1023 Seiten. Leinenausgabc 148 Mark, Lederausgabe 248 Mark.