Georg Büchner
Dichtung, Politik, Wissenschaft, Briefwechsel

   

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Rezension 4 (1)
Jan-Christoph Hauschild
Germanistik, 34 (1993)
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Büchner, Georg: Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente in zwei Bänden. Hrsg. von Henri Poschmann. - Frankfurt am Main: Dt. Klassiker Verl.

  1. Dichtungen. Hrsg. von Henri Poschmann unter Mitarb. von Rosemarie Poschmann.
    1992. 1018 S. (Bibliothek deutscher Klassiker; 84) DM 148,-

Der Band enthält »das überlieferte künstlerisch-literarische Werk« Büchners. Darunter begreift der Hrsg. weder die wenigen Gelegenheitsgedichte des Heranwachsenden, noch die schwungvoll rhetorisierten Arbeiten des Gymnasiasten, wohingegen die Brotübersetzungen des Straßburger Exilanten als »Sprach-Kunstwerk-Gestaltungen« zum »Bestand des dichterischen Werks« erhoben werden. Den »Dichtungen« schließt sich ein insgesamt eher knapp gehaltener wissenschaftlicher »Kommentar« an. Der Einleitung des Hrsg. folgen die Einzelapparate: Sie geben Aufschluß über Textgrundlage und -gestaltung, histor.-literar. Hintergrund und Quellen des Werks. Entstehung und Aufnahme werden angedeutet, Struktur und Gehalt umrissen, problematische Einzelstellen erläutert und ausgewählte Textvarianten mitgeteilt. Den »ungemein vielfältigen Quellenbezügen« trägt ein »Quellenanhang« Rechnung; das stattliche Lit.verz. soll »Wege zu eingehenderer Beschäftigung« weisen. Für 1994 ist ein »zusätzlicher« Band »mit sämtlichen Schriften, Dokumenten und Briefen« B.s angekündigt. Erst dann wird man die editorische Leistung, die schon jetzt Respekt verdient, angemessen beurteilen können, denn durch die grundlegenden Arbeiten von Th. M. Mayer (Danton's Tod, Entwurf einer Studienausgabe, 1980; Leonce und Lena, krit. Studienausgabe, 1987), Gerhard Schmid (Woyzeck, Faksimileausgabe mit Transkription, Kommentar und Lesartenverz., 1981) und Hubert Gersch (Lenz, Studienausgabe, 1984) war dieses »Gesamtresultat sicher fundierter Textbereitstellung und Kommentierung« zumindest gut vorbereitet. Wenn der Hrsg. sich bei der Textkonstitution gelegentlich anders entscheidet als seine Vorgänger, handelt es sich allerdings nur teilweise um objektive Verbesserungen; unter den hergestellten Texten muß insbesondere die »kombinierte Werkfassung« des Woyzeck fragwürdig bleiben. Mit staunenswerter Hartnäckigkeit verschließt sich der Hrsg. überzeugenden Argumenten und hält an Lesarten, Deutungen und Überlieferungshypothesen fest, die längst als obsolet erkannt wurden. Die Seitenhiebe gegen die B.-Forschung, zu der der Hrsg. seit immerhin rund drei Jahrzehnten durch Editionen, Monographien und Aufsätze ganz wesentlich beigetragen hat, können als diskrete Selbstkritik gelesen werden. Immerhin kann er mit diesem Band seine erste, mißglückte Werkausgabe von 1964 vergessen machen (zur 2. Aufl. vgl. Germanistik. 10. 1969. Nr. 855), was nicht jedem Editor vergönnt ist.

Jan-Christoph Hauschild, Düsseldorf