Georg Büchner
Dichtung, Politik, Wissenschaft, Briefwechsel

   

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Rezension 4 (2)
Jan-Christoph Hauschild
Germanistik, 40 (1999)

Büchner, Georg: Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente. In 2 Bänden. Hrsg. von Henri Poschmann. - Frankfurt am Main: Dt. Klassiker-Verl. ISBN 3-618-60093-3: DM 298.00 (2 Bde zs.)

  1. Schriften, Briefe, Dokumente. Hrsg. von Henri Poschmann unter Mitarb. von Rosemarie Poschmann. 1999. 1283 S. (Bibliothek deutscher Klassiker; 169)
    ISBN 3-618-60100-X

Es ist das Schicksal Georg Büchners, Autor des wohl bedeutendsten Dramenfragments der Weltlit., daß sein schmales Werk in Gänze nie angemessen ediert und kommentiert wurde, daß diese Editionen mehr oder weniger alle selbst Fragment geblieben sind, so als wollten sie mit den Woyzeck-Bruchstücken wetteifern. Die ersten Editionsversuche, noch in den 1830er Jahren von K. Gutzkow und B.s Schulfreund G. Zimmermann unternommen, blieben ganz auf der Strecke; K. E. Franzos scheiterte vierzig Jahre später an seiner Überbeanspruchung als Reisejournalist und Romancier. Zu einem Desaster eigener Art entwickelte sich hundert Jahre später die fälschlich als »hist.-krit.« deklarierte Ausg. von W. R. Lehmann (vgl. zuletzt Germanistik 16. 1975. Nr. 1352); der geplante Abschlußbd. mit Lesarten und Kommentar ist nie erschienen.

Die mit dem zweiten Bd. nun komplett vorl. Ausg. des Klassiker-Verlags beansprucht für sich, erstmals »den ganzen Büchner« zu enthalten: Der erste Bd. (vgl. Germanistik 34. 1993. Nr. 4413.) umfaßt die »Dichtungen«, der zweite laut Klappentext »alle Schriften und Briefe« B.s und eine nicht genannte Zahl von »Dokumenten« - laut Inhaltsverz. sind es gerade mal zehn, einige weitere sind unauffindbar im Kommentar versteckt. Zur angestrebten Vollständigkeit (unter Einschluß von »Lebens- und Wirkungszeugnissen«) hat es allerdings nicht gelangt: Die (hier durchaus entbehrliche) Masse der Schriften des Schülers und die (von Poschmann unterschätzten) Exzerpte zur griechischen Philosophie fehlen ebenso wie der Wechselbrief über 100 Gulden an den Verleger Sauerländer und weitere eigenhändige Lebenszeugnisse sowie der größte Teil der biographisch aufschlußreichen Gerichtsakten und Behördenberichte über B.s Anteil an der Gründung revolutionärer Geheimgesellschaften und an der Entstehung und Verbreitung des Hessischen Landboten. - Leider zeigt seine editorische Praxis den Hrsg. weiter auf dem Eilmarsch in die Eigenbrötlerei. Obendrein wird seine philologische und hermeneutische Ernsthaftigkeit durch eine unerhörte, bisweilen ins Surreale (1074, 8f.) gesteigerte Streitlust getrübt, die seine Kommentare zum Tummelplatz privater Ranküne macht. Allzu gern weidet er sich an fremdem Unverstand; am liebsten teilt er dem Leser obsolete Fehllesungen aus der Pionierzeit der B.-Philologie mit. Von einem Reg. keine Spur: Schon allein deshalb wird man auf das alte Insel-Taschenbuch nicht verzichten können.