Georg Büchner
Dichtung, Politik, Wissenschaft, Briefwechsel

   

Home
Zur Ausgabe
Herausgeber
Kurz notiert
Korrekturen
Rezensionen
Kontroverse
Presseecho

Reaktionen

Seitenblick

Links
Kontakt

Rezension 6
Sigmund Kopitzki
Südkurier, 3.5.1995

[Druckversion / AcrobatReader]

Südkurier, Konstanz, 3. Mai 1995

Von der Gegenwärtigkeit Georg Büchners

Anmerkungen zu einigen neuen Publikationen

"Ich hab mir hier allerhand interessante Notizen über einen Freund Goethe's, einen unglücklichen Poeten Namens Lenz verschafft, der sich gleichzeitig mit Goethe hier aufhielt und halb verrückt wurde...  Es gibt hier Leute, die mir eine glänzende Zukunft prohezeien. Ich habe nichts dawider..."

Georg Büchner 1837 an seine Familie. Das Schreiben entstand im politischen Exil in Straßburg. Die Novelle, die Büchner ankündigt, erhält später den Titel "Lenz" - sie gehört heute zum Kanon der Weltliteratur. Keine zwei Jahre nach dem hoffnungsvollen Brief an die Familie ist der Traum von der glänzenden Zukunft beendet. Am 19. Februar 1837, nachmittags "um halb vier", stirbt Büchner, Anatomie-Dozent und Doktor der Philosophie, in seinem zweiten Exil Zürich 23 jährig an Typhus. Ein Frühvollendeter, wie die Nachwelt über den zu Lebzeiten im Hessischen als Aufrührer steckbrieflich gesuchten "Dichter der Kreatur" (Paul Celan) urteilen wird. Das Werk Büchners und seine Vita bieten bis heute viel Stoff für Streit und Spekulation. Das liegt auch an dem Umstand, daß fast alle Projekte Büchners - die Stücke "Woyzeck", "Leonce und Lena" und "Dantons Tod" vorneweg - nur lückenhaft überliefert sind, vom biographischen Material ganz zu schweigen.

Ganze 13 handschriftlich überlieferte Briefe (einschließlich eines Wechselbriefs und eines Widmungsexemplars) des revolutionären Poeten waren bekannt. 1993 erst entdeckte der "Büchner-Detektiv" Thomas Michael Mayer, Mitarbeiter der Büchner-Forschungsstelle in Marburg, auf einem Dachboden der Kleinstadt Butzbach zwei weitere Briefe. Er hat sie inzwischen in dem Bändlein "Georg Büchner an 'Hund' und 'Kater'. Unbekannte Briefe des Exils" gemeinsam mit Reinhard Pabst, Erika Gillmann und Dieter Wolf herausgegeben.

Die Briefe zeigen - laut Mayer - die zuvor nur in "Schraffur" bekannte Exilzeit des Dichters "wie ein erleuchtetes Terrarium", sie erlauben präzisere Datierungen, ja sie geben sogar für die Deutung von Büchners Werken neue Hinweise. Auf 100 engbedruckten Zeilen kommentiert das Herausgeber-Quartett die beiden  Briefe: Interpretationsartistik, zweifellos.

Büchner-Preisträger Wolf Biermann meinte in einem Essay (SPIEGEL 36/1993), daß die Funde auch jene irren Geister nicht gnädiger stimmen, die die heimliche Leitfigur des demokratischen Widerstandes Anfang 1834 für einen Revolutionsschwätzer und Schwadroneur halten, "der skrupellos mit dem Arsch seiner Mitverschwörer durchs hessische Feuer ritt". Die Briefe zeigen, so Biermann weiter, was wir schon längst wissen: "Dem Dichter war das Schicksal seiner gepeinigten Freunde in Deutschland keineswegs schnuppe. Er tat alles, um sie zu unterstützen oder gar rausszuhaun." Den Raum für falsche Legenden - und dazu gehört der Anwurf, Büchner sei seit seinem Exil in Straßburg ein zynischer Nihilist geworden, der auf eine Revolution nicht mehr ernstlich gehofft habe - wird das Werklein von Mayer & Co. wohl kaum zuschütten können.

Für eine (allerdings!) konstruktive Fortsetzung der Büchner-Debatte hat es bereits gesorgt, was bei der jüngsten Ausgabe des Büchnerschen "Briefwechsels" im Verlag Stroemfeld/Roter Stern noch zu erwarten steht, schon allein, wenn es um die Frage der Editionspraxis geht. Derselbe Verlag hat vor Jahren die Philologie mit einer "diplomatischen Transskription" (Ulrich Gaier in der FAZ vom 3.1.1995) der Manuskripte Friedrich Hölderlins in Unruhe versetzt und wiederholte diesen Akt kürzlich mit dem ersten Band einer Kafka-Ausgabe..

Herausgeber des Briefwechsels Büchners ist Jan-Christoph Hauschild. Der bei der Marburger "Bande" um Mayer umstrittene Mitarbeiter des Heine-Instituts ist (trotzdem!) eine Größe der Büchner-Forschung. Ihm ist eine frühe Monographie zu verdanken (bei Rowohlt). 1993 folgte eine weitere umfangreiche Biographie Büchners, die das Prädikat Standardwerk verdient. In der 700 Seiten dicken nichtbelletristischen Lebensbeschreibung verbindet Hauschild den dokumentarischen Befund mit überzeugender analytischer Schärfe. Daraus ergibt sich ein komplexes Bild, das den Menschen Büchner zwischen depressiven Phasen und revolutionärem Impetus zeigt. Eine Beschreibung, die Mayer, der Büchner zu einer "protolinken Kultfigur" stilisiert (Harro Zimmermann, ZEIT vom 30. September 1994), zu bürgerlich ist.

Wie auch immer. Als Filigranarbeiter an der schmalen Primärquellenbasis erweist sich Hauschild auch in der Edition des Briefwechsels, der im übrigen die beiden neuen Funde Mayers enthält. Allein schon die "Einleitung" der Kritischen Studienausgabe liest sich wie ein Krimi. Der Umgang mit den Handschriften Büchners durch seine Zeitgenossen und folgende Generationen ist in großen Teilen selbst mit dem Wort schlampig nur einigermaßen beschrieben. Vermutlich hatte Büchner mehr als 300 Briefe verfaßt, ebenso viele Gegenbriefe hatte er wohl erhalten. Die Summe der überlieferten und in den bisherigen Editionen abgedruckten Briefe und Briefauszüge liegt bei einem Bruchteil dessen. Die letzte Ausgabe der von Fritz Bergemann herausgegebenen "Werke und Briefe" (1962) brachte 65 Briefe von, 23 an Büchner; in der Münchner Ausgabe des Hansa Verlags (1992) ist dieses Korpus um sechs Briefe von und zwei Briefe an Büchner vermehrt.

Hauschilds Studienausgabe sprengt nun das traditionelle Korpus von Büchners Briefwechsel und verdoppelt es von 96 auf 191 Stück. Das liegt nun nicht daran, daß eine entsprechende Anzahl bislang unbekannter Briefhandschriften nachgewiesen werden konnte, sondern an der  Editionspraxis. So führt Hauschild u. a. das bereits von Karl Emil Franzos (1897) eingeführte Prinzip konsequent weiter, auch erschlossene Briefe wiederzugeben, sofern sie sich mit einem Originalzitat belegen lassen; darüber hinaus erweitert er den Korpus privater "Mitteilungsbriefe" durch behändigte briefähnliche Dokumente wie Wechsel, Albumblätter, Widmungen, Aktenschriftstücke, Zeugnisse etc.

In Teilen nähert sich diese Studienausgabe der Edition von biographischen Dokumenten ("Lebensspuren"). Doch ist, wie Hauschild notiert, eine Überschneidung durch den ständigen Seitenblick auf Lebenszeugnisse, Berichte und Erinnerungen, deren Edition Verlag und Herausgeber ebenfalls vorbereiten, ausgeschlossen. Aufgabe dieser kritischen Studienausgabe war es, wo nur irgend möglich, den Autortext "von Fehllesungen und durch das Prinzip der Restitution von zeitbedingten Fremdeingriffen zu befreien" (Hauschild). Daß dieses Unterfangen nicht immer gelingt - für rund 80 Prozent des Briefwechsels gilt, daß der authentische Brieftext mehr oder weniger entstellt ist! - liegt am allerwenigsten am Herausgeber dieser auch optisch ansprechenden Edition.

Der Deutsche Klassiker Verlag hat ebenfalls eine Edition der Briefe Büchners angekündigt, die allerdings aus welchen Gründen auch immer, auf sich warten läßt. Henri Poschmann, der Herausgeber der geplanten zweibändigen Ausgabe, hat bereits 1992 den I. Band der Werkausgabe veröffentlicht. Hier werden alle Texte - "Dantons Tod", "Leonce und Lena", "Woyzeck", "Victor-Hugo-Übersetzungen" in sämtlichen Fassuungen und Entwürfen -  nach den originalen Überlieferungsträgern, Handschriften bzw. kritisch überprüften Erstdrucken erarbeitet. Sowohl für die Textherstellung als auch die akribisch genaue Kommentierung wertete Poschmann (unter Mitarbeit von Rosemarie Poschmann) die Forschung der letzten Jahrzehnte aus. Damit entstand in der Tat eine Ausgabe, die es  in der Genauigkeit und Vollständigkeit bisher nicht gegeben hat.

Freilich kann sich diese Einschätzung mit den geplanten Ausgaben des Verlages Stroemfeld/Roter Stern schnell relativieren. Umgekehrt kann es Hauschild mit der Edition des Büchnerschen Briefwechsels so ergehen. Denn Poschmanns II. Band kommt noch, wie gesagt, und man muß davon ausgehen, daß er nicht hinter Hauschilds Erkenntnissen zurückbleiben will, ganz im Gegenteil.

Was die Bemühungen um Büchners Leben und Werk zeigen: Vor allem die "Gegenwärtigkeit" dieses Geistes, der, abseits vom Tagesstreit, für die Avanciertesten schlechthin der "modernste Dichter" (Elias Canetti) ist.

Siegmund Kopitzki


Erika Gillmann/Thomas Michael Mayer/Reinhard Pabst/ Burghard Dedner/Dieter Wolf: "Georg Büchner an 'Hund' und 'Kater'. Unbekannte Briefe des Exils". Jonas Verlag, Marburg 160 Seiten. 38 DM.

Jan-Christoph Hauschild: "Georg Büchner. Biographie". Metzler Verlag, Tübingen. 698 Seiten mit 33 Abbildungen. 78 DM.

Jan-Cristoph Hauschild: "Georg Büchner. Briefwechsel". Stroemfeld/Roter Stern Verlag, Basel/Frankfurt a. M. 197 Seiten. 98 DM.

"Büchner. Dichtungen". Hrsg. von Henri Poschmann. Bd. I der zweibändigen Ausgabe "Georg Büchner. Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente". Bibliothek deutscher Klassiker 84. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt a. M. 1018 Seiten. 148 DM.