Georg Büchner
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Rezension 7
Eske Bockelmann
FAZ, 2.11.1999
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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. November 1999, Nr. 255

Wo ist die Moral, wo sind die Manschetten?

Genie auf Kunsthessisch: Georg Büchners Schriften und Briefe / Von Eske Bockelmann

Georg Büchners literarische Werke lassen sich an einer Hand abzählen: “Dantons Tod”, “Lenz”, “Leonce und Lena”, “Woyzeck”. Und selbst von diesem Wenigen liegt nur das erste Werk in einer abgeschlossenen und sicher überlieferten Form vor. Büchner hatte begonnen zu schreiben, unter Umständen, die diesen Beginn nur behindern konnten - im Exil als steckbrieflich Gesuchter und Tag und Nacht an der Arbeit, um seinen Unterhalt als Privatdozent verdienen zu können -, hatte sein erstes Drama zum Druck gebracht und die nächsten Werke entworfen, als er starb. Schon sein “Danton” war nur entstellt erschienen, und die drei hinterlassenen Werke befanden sich alle, “Leonce und Lena” vielleicht ausgenommen, im Zustand von Arbeitsmanuskripten. Trotzdem: Jedes Einzelne von ihnen ist heute so sehr präsent und jedes von einer solchen Kraft, als gäbe es keine Einschränkung im Zustand ihres Textes.

Für die Edition dieses Werks genügt jeweils ein einziger Band, auch dem Deutschen Klassiker Verlag. Umso wichtiger, dass dessen Ausgabe durch einen zweiten Band komplettiert wird; er versammelt, was sich von Büchner noch Schriftliches erhalten hat: den “Hessischen Landboten”, jene revolutionäre Flugschrift, die zwar Büchner entworfen, der Mitrevolutionär Weidig aber so weit abgeändert hatte, dass Büchner sie nicht mehr als die seine anerkennen wollte; die Briefe, wenige kostbare Exemplare aus einer “starken Correspondenz”, die Büchner geführt haben muss und die zum größten Teil verloren ging - immerhin sind erst 1993 zwei Originale neu entdeckt und hier eingereiht worden; die wenigen Gelegenheitsgedichte aus der Jugend; Schriften aus der Schulzeit; und solche, die Büchners Privatdozentur in Zürich galten: die Dissertation über das Nervensystem der Barbe, die Probevorlesung über Schädelnerven und die philosophischen Vorlesungsskripte zu Descartes und Spinoza.

In der ersten Ankündigung des Bandes hatte der Verlag “zahlreiche bisher unbekannte und großenteils unveröffentlichte Dokumente” versprochen - wobei man sich fragen konnte, wie “bisher unbekannte” Dokumente “großenteils” und nicht samt und sonders “unveröffentlichte” sein sollten. Davon enthält der Band jetzt jedoch nichts, und die wenigen Dokumente, die er bietet, machen in ihrer Auswahl den Eindruck, als habe ein Student rasch ein paar Bände aus dem Büchner-Regal auf den Kopierer gelegt.

Aber diesen Mangel macht der ausführliche Kommentar wett; er umfasst knapp die Hälfte des über 1200 Seiten starken Bandes. Henri Poschmann, der Herausgeber, hat sich darin zu Recht allen Raum gegeben, das Umfeld von Büchner selbst und insbesondere von jeder der abgedruckten Schriften zu beschreiben und zu belegen. Das geht zwar, sobald es psychologisch wird, nicht ohne das hausbackene Zeug ab, das die Literaturwissenschaft für das Innenleben ihrer Genies parat hält, etwa: “Zustand extremer existenzieller Bedrängnis und psychischer Gefährdung” - doch wer vermöchte Büchner so scharf zu zeichnen wie dieser seinen Lenz? Bei der Frage, wie die hier dokumentierten unterschiedlichen Betätigunsbereiche untereinander und mit dem literarischen Werk zusammenhängen, geht es an ein leeres Auftürmen: “Der philosophische Reflexionszusammenhang des Erkenntnisinteresses, das Büchners naturwissenschaftliche Forschung an philosophischen Voraussetzungen orientiert, die problematisch geworden sind, wird ihm deshalb selbst zum Gegenstand kritischen Hinterfragens.”

Da mag man also vieles auszusetzen finden. Auch deshalb, weil Poschmann der Neigung frönt, die eigenen Ergebnisse als möglichst unabhängig darzustellen - insbesondere von der Büchner-Forschungsstelle in Marburg, die zur Zeit die historisch-kritische Ausgabe erarbeitet. So unterdrückt Poschmann etwa aus den Schülerskripten die aufschlussreichste Seite: die hat Büchner, vom Unterricht gelangweilt, in eine “ecriture automatique” mit zahllosen Bruchstücken aus derjenigen Literatur überzogen, die ihm parat war. Thomas Michael Mayer von der Marburger Forschungsstelle ist es gelungen, diese in mehreren Schichten beschriebene Seite vollständig zu entziffern und die Bruchstücke zu identifizieren (im Büchner-Jahrbuch 7); Poschmann dagegen gibt an, da sei “nur wenig zu entziffern”, und druckt zwar die vorhergehenden und die nachfolgende, aber genau diese eine Seite nicht ab. Zu solcher, den Wert der Ausgabe mindernden wissenschaftlichen Eigenbrötelei zählen auch - und bereits im ersten Band der Ausgabe - die editorischen Fehler, darunter die Tradierung einer der unsinnigsten Textentstellungen, die ein Werk der Weltliteratur je hat erleiden müssen. Diese Entstellung ist nicht erst das Werk Poschmanns, aber er hat es allen anderen darin zuvorgetan. Der Text des “Woyzeck” ist als Handschrift überliefert. Nun neigt Büchner dazu, Buchstaben zu verschleifen, bei einem Wort wie “nähere” etwa nach dem “h” nicht die in der Kurrentschrift erforderten fünf Male mit der Feder auf- und abzufahren, sondern vielleicht nur einmal; man kann es sich etwa so vorstellen wie bei einer ins Undeutliche verlaufenden Unterschrift. Aus dieser Schreibgewohnheit, die sich in allen Handschriften Büchners, auch in der des Woyzeck findet, machen die Herausgeber seit Jahrzehnten ein grausig verunglücktes Kunst-Hessisch, indem sie Buchstaben, die Büchner auf diese Weise verschliffen hat, als gewollt verkürzte Wortformen missdeuten. Also “mit sei Auge” statt “mit seinen Augen”. Nach diesem Verfahren hat Poschmann den “Woyzeck” so weit entstellt wie kein anderer Herausgeber zuvor und sich durch wissenschaftlichen Einspruch nicht davon abbringen lassen. Nun, im zweiten Band, bekräftigt er sein Verfahren, überall dort, wo er einen handschriftlichen Text wiederzugeben hat. So soll Büchner in einem Brief nach ersten Entschuldigungspräliminarien darum bitten, sich “weite” und nicht etwa “weitere” ersparen zu dürfen. Das ist selbst in solchen Fällen ärgerlich, unerträglich aber im literarischen Werk, wo es Kauderwelsch ergibt:

“Wir habe schön Wetter Herr Hauptmann. Sehn Sie, so ein schön festen grauen Himmel, man könnte Lust bekomm, ein Kloben hineinzuschlage und sich daran zu hänge, nur wege des Gedankstrichels zwischen Ja und Nein.” Eine Ausgabe, die Büchner dergleichen unterstellt und seinen Lesern zumutet, ist unbrauchbar. Doch findet sich im Kommentar von dem reichen Material, das inzwischen zu Büchner zusammengetragen wurde, genug, um ein klares Bild zu gewinnen. Dieses Bild selbst zu zeichnen gelingt Poschmann an der entscheidenden Stelle: Büchners politischem Denken. Auch die naturwissenschaftlichen und philosophischen Arbeiten liegen ja nicht fern von Büchners literarischen Werken, sondern haben einen genauen Bezug dazu - einen Bezug, den Poschmann zuweilen mit blindem Eifer herstellt.

So, wenn er zum höheren Ruhm von Büchners Befassung mit Spinoza schreibt: “Die von Spinoza begründete Relativierung der Moral wurde für Büchner in der akuten Situation zu einem wesentlichen Faktor der Krise.” Das unterstellt eine Einwirkung des philosophischen Gedankens auf die Moral und auf Büchners Lebensumstände, wie man sie bei diesem Autor nicht verkehrter denken kann: “Ich werde ganz dumm in dem Studium der Philosophie; ich lerne die Armseligkeit des menschlichen Geistes wieder von einer neuen Seite kennen.” So spricht Büchner; und seinen König Peter - “Die Substanz ist das an sich, das bin ich” - lässt er rufen: “Wo ist die Moral, wo sind die Manschetten?” Nein, eine “Relativierung der Moral” würde Büchner nicht in die Krise gestürzt haben.

Zwar verweisen Büchners literarische Werke auf seine philosophischen und naturwissenschaftlichen Interessen. Im Entscheidenden aber sind sie der Reflex jenes scharfen Blicks, mit dem Büchner die ihn umgebende Welt beurteilt, und damit eines Urteils, auf das er seinen abweichenden politischen Willen gegründet hat: abweichend von der mit staatlicher Gewalt durchgesetzten Wirklichkeit - und von ihr heute fast stärker abweichend als zu seiner Zeit. Damals wurde Büchner als Revolutionär verfolgt, inzwischen verträgt man es nicht mehr zu hören, dass er einer war. Die Literaturwissenschaft machte sich in den letzten Jahren mit einer Art Dekonstruktivismus über Büchner her, als ob sein Werk jedes Moment von historischer Wirklichkeit und von Kritik an ihr nur verwendet hätte. um deren Sinn wieder aufzulösen, also um vorzuführen, dass jeder Sinn grundsätzlich keiner ist. Aus Werken, die jedes für sich eindringlich davon sprechen, was sich sinnvoll zu ändern hätte, wollte die Wissenschaft nur ein wiederholtes “Om” heraushören: Es hat keinen Sinn, es hat keinen Sinn.

Die jüngste große Biografie, verfasst von Jan-Christoph Hauschild und 1993 erschienen, erklärt gegen alle biografischen Daten etwas so Gemäßigtes wie den Sozialstaat zu Büchners politischem “Fernziel”, also recht populär-hegelianisch den gegenwärtig erreichten Stand für das Ziel der Geschichte - Büchners. Ein Rezensent wollte selbst den Sozialstaat nicht als Ziel gelten lassen und stattdessen, “nach Jahrzehnten überwiegend politischer Deutung”, in Büchner bloß den “manisch-depressiven Charakter” sehen. Es ist Poschmanns großes Verdienst, dieser Tendenz zur Entpolitisierung nicht Vorschub zu leisten, sondern klar darzulegen, wofür Büchner gerichtsnotorisch ist. Und das umfasst auch den Gedanken der Gütergemeinschaft, der Durchbrechung jener Geldlogik, nach der inzwischen nicht mehr nur Teile der jeweiligen Landesbevölkerung, sondern ganze Länder systematisch verelenden. Büchner war nicht der “aufrechte Demokrat”, den man ihm neben seiner Neurose noch durchgehen lassen will, einer, der sich erträumt hätte, für vorgegebene staatliche Funktionen endlich das wechselnde Personal mit auswählen zu dürfen: er erkannte es für ein wünschenswertes Ziel, ohne Staat auszukommen. So viel dokumentiert - unter anderem - dieser zweite Band der Gesamtausgabe. Die Gründe für solche Entscheidungen Büchners sucht man am besten im ersten - in seinen Werken.

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Georg Büchner: “Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente in zwei Bänden”. Herausgegeben von Henri Poschmann. Zweiter Band: “Schriften, Briefe, Dokumente”. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1999. 1287 S., geb., 172,- DM.

Lesen Sie zu dieser Rezension Poschmann und Wender.