Georg Büchner
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Rezension 8
Thomas Böning
Badische Zeitung, 24.12.1999
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Badische Zeitung, 24. Dezember 1999

Ein Riss in der Schöpfung

(K)ein deutscher Klassiker: Die zweibändige Georg-Büchner-Werkausgabe im Deutschen Klassiker Verlag ist abgeschlossen

Nicht alles, was sich - neudeutsch gesprochen - rechnet, ist gut, und was gut ist, bringt nicht immer Geld ein. Dies mußte der Verleger Siegfried Unseld auch mit seinem Deutschen Klassiker Verlag (DKV) erfahren. Projektiert in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre, als die Auseinandersetzung mit der Klassiker-Legende auf ihrem Höhepunkt war, gegründet 1980, um dem Suhrkamp-Verlag einen verlässlichen Käuferstamm jenseits des Alltagsgeschäfts zu verschaffen, zeichnete sich bald nach dem Erscheinen der ersten Bände ab, dass die Bibliothek deutscher Klassiker schmaler würde ausfallen müssen, als von dem damallgen Verlagsleiter Gottfried Honnefelder, dem Motor des Unternehmens, vorgesehen war. Der Absatz schleppte sich dahin. Zu teuer, war das Argument. Ein ungerechtes: Ist nicht das sogenannte Preis-Leistungs-Verhältnis bei Fast-Food am schlechtesten? Noch zehn Jahre später kam es auch darauf nicht mehr an: Pläne für Taschenbuchausgaben zu einem Fünftel des ursprünglichen Preises mussten ad acta gelegt werden, weil selbst Germanistik-Studenten nicht mehr zum Kauf bereit waren. Innerhalb von zwei Jahrzehnten war die Bibliothek zum Fossil mutiert.

Und doch, oder: gerade deshalb darf man nach mehr als 170 Bänden von einer verlegerischen Jahrhunderttat sprechen. Denn durch die Bibliothek sah sich die im Umbruch befindliche Germanistik herausgefordert, auf ihrem alten, dem philologischen Gebiet maßstabsetzende Leistungen zu erbringen. Zwar erwies sich für die Textkonstitution die Entscheidung des Verlages als wenig glücklich, unter Wahrung des Lautstandes eine orthographische Normalisierung vorzunehmen; denn das hat zur Folge, dass die fast immer aus den Quellen neu erarbeiteten Werke im Gewand eines durch die Orthographie-Reform schon wieder überholten Klassiker-Esperanto daherkommen. Aber mehr als wett gemacht wird dies durch die Kommentare: Verfasst für Liebhaber, greifen auch Fachleute zu den Ausgaben, wenn sie sich schnell auf den Stand der Forschung bringen wollen.

Welcher Dramenschluss wäre mit dem von "Danton's Tod" vergleichbar?

Zugegeben, wem das Argument nicht einleuchtet, dass eine Kenntnis des Hier und Heute ein Wissen um das Gewesene voraussetzt, der wird von der Lektüre vieler Klassiker keinen Gewinn haben. Doch nicht alle haben Patina angesetzt. Denn unter den Großen gibt es noch die Klasse derer, bei denen die Welt so frisch und deutlich erscheint, als würde der Mensch erstmals seine Augen aufschlagen. Shakespeare zählt dazu, der Goethe vor allem des Sturm-und-Drang und der ganze Büchner. Für den Lektor Wolfgang Kaußen, der am Erfolg des DKV großen Anteil hat, ist er deshalb "der eigentliche Klassiker". In der Tat: Welcher Dramenschluss wäre mit dem von "Danton's Tod" vergleichbar? Was könnte dem "Woyzeck"-Märchen von der armen Waise, was dem Eingang des "Lenz" an die Seite gestellt werden? Und wie Büchner es schafft, Dantons: "Wie schimmernde Tränen sind die Sterne durch die Nacht gesprengt, es muss ein großer Jammer in dem Aug sein, von dem sie abträufelten" in "Leonce und Lena" leicht werden zu lassen, das ist nicht zu begreifen.

Wenn die Literaturwissenschaft gegenüber den Ausnahmedichtungen immer zu spät kommt, dann dürfte das im Fall Büchners seinen speziellen Grund darin haben, dass seine Dichtungen nur im alten Sinne des Wortes im "Ästhetischen" terminieren: Aisthesis hieß den Griechen   "Wahrnehmung",  und Büchner lehrt uns, den Anderen brüderlich als eine leidende Menschenkreatur wahrzunehmen. Damit zielt er auf mehr als die Abschaffung des Gegensatzes zwischen Arm  und Reich ab. Allerdings ist sie conditio sine qua non: Nur wo allen alles gehört, gebe es Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Darf man Büchner deswegen einen Frühkommunisten nennen, wäre er doch niemals Marxist geworden. Denn als Feind alles Totalitären musste er das metaphysische  Denken jeder Couleur ablehnen. Aber darf man ihm deswegen, wie es Germanisten hartnäckig tun, das Etikett anhängen, Nihilist gewesen zu sein?

Nichts vermag darüber besser Auskunft zu geben als Büchners Aufzeichnungen zu Descartes, dem Vater des neuzeitlichen Subjektivismus. Ebenso wie die Spinoza-Studien hat er sie ein halbes Jahr vor seinem Tode im Sommer/Herbst 1836 verfasst, als er sich noch nicht sicher war, ob er im Züricher Exil als Philosoph oder - wie dann geschehen - als Naturwissenschaftler akademisch lehren sollte. Diesen Aufzeichnungen hat man bisher kaum Wert beigemessen, weil man sie für bloße Exzerpte, und zwar nur aus zeitgenössischen Philosophiegeschichten hielt. Die Bedeutung des jetzt im DKV zum Abschluss der Werkausgabe erschienenen zweiten Büchner-Bandes ist unter anderem darin zu sehen, dies als krasses Fehlurteil zu erweisen: Büchners Projekt sei, so der Herausgeber Henri Poschmann, darauf angelegt, mit einer eigenständigen Rekonstruktion des Descartesschen Ansatzes den Ursprüngen nachzuforschen, denen er "entscheidende Anregungen für sein innovatives Wirken verdankt, und darin zugleich seinen tiefen Bedenken gegen den mechanischen Determinismus und das auf mathematische Funktionen reduzlerbare Menschenbild des Rationalismus auf den Grund zu gehen". Das ist zwar vage, aber eben damit in jener dem guten Editor gebotenen Zurückhaltung formuliert, die Raum für eigene Lektüren lässt. Eine solche sei hier gewagt.

Indem Büchner nur an wenigen Stellen des umfangreichen Konvoluts seine kritische Stimme vernehmen lässt, bedient er sich einer Strategie, die in unseren Tagen von Jacques Derrida zur Meisterschaft gebracht worden ist: Man muss diese Stellen nur im Ohr behalten, und Descartes' lang und breit referierte Worte sagen etwas anderes, als ihnen zugedacht war.

Descartes suchte nach einem unbezweifelbaren Grund-Satz des Denken - und fand ihn im methodischen Zweifel selber. Büchner erkennt darin ein abgekartetes Spiel: An der Möglichkeit der Gewissheit hat Descartes nicht zweifeln wollen. Dass sein auf logische Konsequenz angelegtes Vorhaben letztlich inkonsequent ist, zeigt sich für Büchner auch an dem schon von jeher monierten Zirkelschluß seines Gottesbeweises. Aber für den Dichter ist noch wichtiger, dass und warum der Philosoph Gott ins Spiel bringt: "Gott ist es, der den Abgrund zwischen Denken und Erkennen, zwischen Subjekt und Objekt ausfüllt, er ist die Brücke zwischen dem einsamen, irren, nur einem, dem Selbstbewußtsein gewissen, Denken und der Außenweit. Der Versuch ist etwas naiv ausgefallen, aber man sieht doch, wie instinktartig scharf Cartesius schon das Grab der Philosophie abmaß; sonderbar ist es freilich wie er den lieben Gott als Leiter gebrauchte, um herauszukriechen. Doch schon seine Zeitgenossen ließen ihn nicht über den Rand."

In noch verschärfter Form gilt dies für Büchner selber: Nach Descartes werde "nur erkannt, daß es unmöglich zu denken sei, der Denkende sei nicht. Dies ist etwas bloß Negatives"; das uns positiv Gegebene, die sinnliche Welt, bleibe dem logisch-mathematischen Denken ebenso unzugänglich wie ihr Schöpfer. Wer wie Descartes bekennt, in der Ausbildung heller und reiner Ideen störten ihn die Sinne nur, so dass es ihm lieber wäre, blind und taub geboren zu sein, der amputiere den Menschen und führe mit "Feldgeschrei" wie ein "Achilles" Krieg gegen die Welt Achilles aber schien nur unverwundbar zu sein: Kehrt man wie Büchner gegen das neuzeitliche Subjekt seine eigenen Waffen, weist man ihm nach, dass es unlogisch argumentiert, dass wir durch nichts berechtigt sind, von Gott eine Definition zu machen, fällt es in den Abgrund, den es sich selber gegraben hat.

Was das bedeutet, lässt uns Büchner an der Gestalt des Dichters Lenz erfahren. "Er jagte mit rasender Schnelligkeit sein Leben durch und dann sagte er: konsequent, konsequent; wenn Jemand was sprach: inkonsequent, inkonsequent": Wer so konsequent vernünftig lebt, dass er sich den Deus ex machina verbietet, der muss in der Einsamkeit des Wahnsinns enden, weil er nur noch das Nichts hat. Allerdings ist dies nun keineswegs das Ende des Textes. Findet dieser nicht mehr: ein Verständnis für den irren Lenz, das weit über das hinausgeht, das der philanthropische Theologe Oberlin aufbringt?

"Man versuche es einmal und senke sich in das Leben des Geringsten"
Georg Büchner

Wer Büchner des Nihilismus bezichtigt, verkennt, dass er eine Bindung - religio - jenseits des philosophisch-theologischen Prinzipiendenkens gefunden hat: Was Lenz nicht genügt, weil er als nihilistischer Atheist diesem metaphysischen Denken immer noch verpflichtet ist, das kann für Büchner dem menschlichen Leben allein Sinn geben - "man versuche es einmal und senke sich in das Leben des Geringsten und gebe es wieder, in den Zuckungen, den Andeutungen, dem ganzen feinen, kaum bemerkten Mienenspiel".

Warum ein solches Sich-Versenken in die Kreatürlichkelt des Anderen den Atheismus voraussetzt, davon handelt "Danton's Tod": "wie lange sollen wir Algebraisten im Fleisch beim Suchen nach dem unbekannten, ewig verweigerten x unsere Rechnungen mit zerfetzten Gliedern schreiben", fragt Camille Desmoulins und meint damit jene in der Geschichte mit x Definitionskandidaten - Idee, Gott, Vernunft - besetzte Stelle eines Seins-Prinzips, auf das sich derjenige berufen muss, der eine allgemein verbindliche Ordnung für naturgegeben hält. Büchners Drama kann dagegen den abendländischen Grund-Satz: "das Einzelne muss sich dem Allgemeinen hingeben" nur noch verstümmelt und in obszönem Kontext zitieren - weil sein Autor erkannt hat, dass ein solcher Versuch, die Welt zu befrieden, den Krieg zum Vater aller Dinge macht. Denn mittels der Annahme eines naturgegebenen Allgemeinen setzen die Mächtigen ihre eigenen Interessen durch. Allerdings amputieren sie dabei auch sich selbst:

Ein freies Sich-Einlassen auf den Anderen und die Welt ist ihnen nicht möglich.

"Wenn Gott rechnet, entsteht die Welt": Unter der Herrschaft dieses Leibniz-Satzes ist inzwischen die Börse zum Altar geworden - für Büchner eine Steigerung der Unmenschlichkeit. Es gibt keinen deutschen Klassiker, der weniger Klassiker ist.

Thomas Böning


Georg Büchner: Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt/M. Bd. 1, 1992, 1018 Seiten, 148 Mark. Bd. 2, 1999, 1283 Selten, 172 Mark. Beide Bande zusammen 298 Mark.