Georg Büchner
Dichtung, Politik, Wissenschaft, Briefwechsel

   

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Rezension 11
Gerhard P. Knapp
Seminar 38 (2/Mai 2002)

Henri Poschmann unter Mitarb. v. Rosemarie Poschmann, ed. Georg Büchner. Schriften, Briefe, Dokumente. Vol. 2 of: Georg Büchner. Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente. Bibliothek deutscher Klassiker, Bd. 169. Frankfurt/M.: Deutscher Klassiker Verlag, 1999. 1283pp. DM 172. ISBN 3-618-60100-X.

Mit der unvollendet gebliebenen Hamburger Ausgabe (1967/71) Werner R. Lehmanns verfügte die Büchnerforschung zwar über eine gemäß dem Forschungsstand der Zeit mit Einschränkungen brauchbare Edition der Texte, nicht aber über den notwendigen textkritischen Apparat und einen ebenso notwendigen Kommentar. In der Folgezeit erschienen diverse hervorragende Studienausgaben einzelner Werke sowie Faksimileeditionen der Erstdrucke und der Woyzeck-Manuskripte, die samt und sonders der Arbeit am Text zugute kamen. Bei der Marburger Forschungsstelle Georg Büchner befindet sich seit längerem eine großangelegte Historisch-kritische Ausgabe in Vorbereitung, deren erste Lieferung von vier Teilbänden der Edition von Dantons Tod  für Ende 2000 vorgesehen war. Inzwischen setzt aber das Erscheinen des zur Besprechung vorliegenden Bandes einen Meilenstein in nunmehr rund 150 Jahren Büchnerforschung: den Abschluß der ersten kritischen und kommentierten Gesamtausgabe der Texte des Autors. 

      Als 1992 der erste Band der DKV-Ausgabe Georg Büchner. Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente von Henri Poschmann unter Mitarbeit von Rosemarie Poschmann erschien, der neben den "Dichtungen" die Hugo-Übersetzungen der Lucretia Borgia und der Maria Tudor enthält, wurde er von der Forschung eher beiläufig zur Kenntnis genommen. Das erstaunt angesichts der Tatsache, daß die Ausgabe neben philologisch zuverlässiger Textherstellung eine diskutable "Kombinierte Werkfassung" der Woyzeck-Entstehungsstufen und darüber hinaus--erstmals in der Geschichte der Büchnerforschung--detaillierte textkritische, entstehungs- und quellengeschichtliche Studien zu den Werken und einen in seiner Ausführlichkeit und Akribie unübertroffenen Stellenkommentar bietet. Natürlich (wie könnte es anders sein im Fall Büchner!) ließe sich streiten über das eine oder andere: Aspekte der Textgestaltung, etwa der Beurteilung der Woyzeck-Überlieferung, Details im Kommentarteil, die ja vielfach auch Interpretationsfragen betreffen, sind als Diskussionsbeiträge zu verstehen, mit denen sich eine allenthalben rege Forschung noch auseinanderzusetzen hätte. Inzwischen hat sich der erste Band der DKV-Ausgabe zurecht im akademischen Betrieb als die heute maßgebliche Edition der poetischen Texte etabliert. Der jetzt erschienene zweite Band enthält: die Schriften und Glossen aus der Gymnasialzeit, Der Hessische Landbote, die beiden naturwissenschaftlichen Arbeiten, die Cartesius- und Spinozastudien, die erhaltenen Briefe von und an Büchner sowie Materialien und Dokumente zu den hier versammelten Schriften. Nicht wiedergegeben sind die Auszüge aus den Bänden 1-3 von Tennemanns Geschichte der Philosophie (1798ff.). Poschmann folgt hier dem Konsens seit Bergemann: "kann dem Text, wenn die Auswahl des Abgeschriebenen auch eigene Akzente setzt, insgesamt schwerlich mehr als Materialcharakter zuerkannt werden" (928). Davon abgesehen bietet, wie es der Klappentext verspricht, die "damit vorliegende vollständige, ausführlich kommentierte Gesamtausgabe [...] erstmals, in sich zusammenhängend und in überprüfter Genauigkeit, den ganzen Büchner."

      Wie man weiß, ist es unmöglich, den Revolutionär und Politiker Büchner vom Literaten, jenen vom Naturwissenschaftler und vom Philosophen zu trennen. Denn es ist ja gerade die Totalität seines immer auf den ganzen Wirkungszusammenhang historischer, politisch-sozialer und (zwischen)menschlicher Prozesse gerichteten Erkenntnisinteresses, die jeder Zeile seiner Schriften bleibende Wirkung und oftmals bestechende Aktualität verleiht. Unter den Verdiensten der Ausgabe Poschmanns ist es sicher einer der augenfälligsten, diese Einheit im Werk zur Geltung zu bringen. Erreicht wird das einmal durch die beständig übergreifenden Kommentare zu den einzelnen Texten sowie durch die  Vielzahl der Querverweise in den jeweiligen Stellenkommentaren der beiden Bände.  Zum anderen ist es die exakte, eingehende und immer aufeinander bezogene Erschließung der in ihrer Gewichtsetzung relativ gleichberechtigten Themenkreise Politik - Naturwissenschaft - Philosophie - Korrespondenz im vorliegenden Band, die weit über das bisher in der Forschung Geleistete hinausgeht. Der erste Themenkreis beschränkt sich nicht auf die Edition des Hessischen Landboten, der einzigen erhaltenen politischen  Schrift Büchners (die Julifassung steht im Textteil, eine Synopse der Juli- und Novemberfassungen findet sich zurecht im Anhang), die "noch immer an den Nerv weltweit bestehender Verhältnisse rührt" (704). Sondern der Hintergrund wird durch eine Dokumentation von Verhöraussagen und Untersuchungsaufzeichnungen erhellt (627ff.), der Entstehungszusammenhang sowie die Überlieferungslage eingehend im Kommentar (804ff.) untersucht. Hier werden auch die neobabouvistisch-egalitäre Position Büchners, die frühkommunistische Tendenz der "Gesellschaft der Menschenrechte," die Vermittlerrolle Weidigs zwischen den divergenten Gruppen der Widerstandsbewegung Oberhessens sowie die anhaltende Wirkung der Flugschrift verdeutlicht. Interessante Anmerkungen finden sich zu Büchners adressatenbezogener Strategie und der Integration literarischer (Jean Paul) und biblischer Zitate, die den Autor "als genialen Schrittmacher der Vergesellschaftung von geistigem Eigentum" (842) ausweist und die Zitatästhetik der poetischen Werke vorwegnimmt. In der Frage der Abgrenzung der Textschichten Büchners und Weidigs hält sich der Stellenkommentar, von einigen Verweisen auf die Arbeiten T.M. Mayers abgesehen, weitgehend zurück.

      Der Themenkreis Naturwissenschaft ist durch die Ausgabe der Dissertation Mémoire sur le système nerveux du barbeau (im Anhang die Übersetzung von Otto Döhner), der Probevorlesung Über Schädelnerven, einen Bericht "Ueber die Nerven der Fische. Nach einem Vortrage des Hrn. Büchner in der am 4. Mai gehaltenen Sitzung der Straßburger Naturhistorischen Gesellschaft," Johannes Müllers Rezension der Dissertation und zwei Exzerpte aus Tennemann bzw. Herbart zu Spinoza repräsentiert. Durch die letzteren wird die Brücke zwischen der naturwissenschaftlichen Arbeit und ihren philosophischen Voraussetzungen geschlagen. Die Kommentare der naturwissenschaftlichen Schriften geben Aufschluß über die jeweilige Entstehung, den wissenschafts- und werkgeschichtlichen Hintergrund und die Rezeption der Dissertation. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich die Forschung um eine adäquate Situierung des Naturwissenschaftlers Büchners im Wissenschaftsdiskurs der Zeit bemüht. Die Ausgabe Poschmanns trägt hierzu entscheidend bei, indem sie das "schiefe Bild vom Naturwissenschaftler Büchner, das durch die einseitige Zurkenntnisnahme der Probevorlesung Über Schädelnerven entstanden ist" (702f.), zurechtrückt und der Dissertation die ihr gebührende Schlüsselstellung in der wissenschaftlichen und ästhetischen Entwicklung des Autors zuweist. Den quantitativ größten Anteil des Bandes beansprucht die Edition und Kommentierung der philosophischen Schriften. Zu Recht tritt Poschmann der häufig vertretenen Annahme entgegen, daß die Cartesius- bzw. Spinozastudien nicht viel mehr seien als Notizen oder Exzerpte: "Vielmehr sind es aus den Quellen erarbeitete originäre kritische Rekonstruktionen der Begründungstexte des neuzeitlichen wissenschaftlichen Denkens" (703). Der Kommentar (vgl. v.a. "Problemzusammenhang" 932ff.) und die jeweiligen Stellenkommentare zu "Cartesius" und "Spinoza" waren praktisch ohne einschlägige Vorstudien zu erarbeiten. Die Neulektüre von Texten und Kommentar bestätigt Poschmanns These von der Zentralstellung philosophischer Fragen im Denken Büchners. Es ist unbestreitbar das Verdienst der Ausgabe, den Themenkomplex der Philosophie erstmals vom Nimbus des Esoterischen zu befreien und ihn der Forschung zugänglich zu machen. Freilich wird weiter darüber zu diskutieren sein, ob die tiefgreifende politische und persönliche Krise Büchners im Winter 1833/Frühjahr 1834  in der Tat auch eine "universelle philosophische Dimension" (1103) im Sinn einer Spinoza-Krise enthält. Vorbildlich (auch wenn einige Datierungen und die Überlieferung der Zeugnisse durch Ludwig Büchner natürlich strittig bleiben müssen) ist die Edition und Kommentierung der Korrespondenz, von der nur ein geringer Bruchteil erhalten ist (vgl.1052ff. zu den Überlieferungsverhältnissen), zu der sich aber hier im Stellenkommentar eine Vielzahl neuer Ergebnisse findet.

      Es ist im Rahmen einer kurzen Rezension unmöglich, dem bedeutendsten editorischen Projekt der Büchnerforschung des gerade vergangenen Jahrhunderts, das dieser zweite Band beschließt, auch nur annähernd gerecht zu werden. Jegliche Beckmesserei wäre hier verfehlt. Man wünscht dem Band, wie seinem Vorgänger, konstruktive und anhaltende kritische Resonanz und (vielleicht auch in einer preisgünstigeren Taschenbuchausgabe) einen weiten Leserkreis.

GERHARD P. KNAPP University of Utah