Georg Büchner
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Seitenblick 4
Thomas Michael Mayer, Replik (Juli 2001)

Herbert Wender hat am 30. Juni 2001 auf der Jahresversammlung der "Georg Büchner Gesellschaft" wörtlich erklärt, er werde die von Burghard Dedner und mir herausgebenen Danton-Bände der Marburger Büchner-Ausgabe "bis aufs letzte bekämpfen". Parallel zu solcher Art 'Kriegserklärung' ließ Jan-Christoph Hauschild in jüngster Zeit über den Hörfunk eine (matte) Satire auf unsere Edition verbreiten.

Der ostensible Hauptgrund für diesen Feldzug, der prinzipiell schon mit Wenders Beitrag zum Katalog der Darmstädter Büchner-Ausstellung von 1987 begann und den wir seiner Ankündigung nach weiter zu erwarten haben, ist ein politischer. Hauschild urteilt, Büchner habe "[d]urch das ganze Stück [...] deutlich" gemacht, "daß die Liquidierung der Dantonisten zu Recht erfolgte" (Hauschild² 1997, S. 556; vgl. dazu GBJb 9, 1995-99, S. 385), und Wender ist der Auffassung, daß Büchner als glühender Verehrer St. Justs und Robespierres mit seinem Drama eine "Abrechnung [...] mit den bürgerlichen Revolutionsgewinnlern" um Danton habe liefern wollen, die daher als "Banditen" von verabscheuungswürdiger "Liederlichkeit" und "Gottlosigkeit" gezeichnet seien (Katalog Darmstadt, S. 223; vgl. auch Wender 1988, 1992 u.ö.). Da die Hrsg. der MBA diese Beurteilungen in der Tat nicht stützen möchten und können, haben sie sich den Unmut beider zugezogen, einen Unmut, der Wender schon kurz nach Erscheinen der Bände veranlaßte, mittels eines Nachrichtenmagazins den gänzlich unbelegten Vorwurf zu erheben, wir betrieben "Geschichtsklitterung" (vgl. Der Spiegel, Nr. 51, 18. Dez. 2000, S. 193).

Wender weiß, daß seine abwegige, auch in der kontroversen Rezeptionsgeschichte seit 165 Jahren nahezu beispiellose Deutung des Dramas wenig Zustimmung finden wird. Er versucht uns daher auf eine subtilere, philologisch verbrämte Art zu attackieren. Nachdem er schon dem Spiegel erklärt hatte, "für die wesentlichste Neuerung" in unserer Textkonstitution von Büchners Drama fehle "die plausible Begründung" (ebd.), hat Wender soeben im Jahrbuch des Forum Vormärz Forschung 6 (2000) [2001], S. 339-350, eine verbal ebenso scharfe wie argumentativ stumpfe Rezension vorgelegt, deren Manuskript er seit Monaten über die verschiedensten Kanäle, seit kurzem auch öffentlich und damit für uns zugänglich in Form eines Korrekturabzugs kursieren ließ. Das antreibende politische Motiv seiner vorgefaßten Urteile läßt Wender in dieser Rezension nur noch als Andeutung erkennen, wenn er am Ende (S. 350), vorgeblich um darüber "ganz zu schweigen", doch von den "Fehlurteilen zur zeitgenössischen Geschichte", nämlich Frankreichs um 1833/34, spricht, die sich im Editionsbericht der MBA, Bd. III.2, fänden. Dies ist nur als die etwas weniger rabiat formulierte Wiederholung des Anwurfs "Geschichtsklitterung" zu lesen (den Wender noch zu begründen hat). Einen entsprechend zivilisierteren Anschein versucht die Besprechung insgesamt zu erwecken. In ihr ist also vorrangig vom "philologisch Handwerklichen" (S. 342) und von zwei editorischen Hauptpunkten die Rede, die Wender für den "Nachweis grober handwerklicher Fehler" in unserer Ausgabe als "hinreichend" erachtet (S. 350). Es sind die folgenden:

A. Der Beweis dafür, daß es sich bei der überlieferten Handschrift H um die Vorlage für die beiden Drucke j und e aus dem Jahr 1835 handelte, sei – dies unser "Kardinalfehler" – nicht "systematisch" erbracht worden (S. 343-345; hier 344). Anstelle dieser  "Bringschuld" sei vielmehr eine "Annahme" bzw. ein unzureichender "Indizienbeweis" Werner R. Lehmanns aus dem Jahr 1967 getreten, den wir lediglich um eine "Auswahl" weiterer Indizien ergänzt hätten (ebd.). Demgegenüber biete die ältere Hypothese Fritz Bergemanns, nicht H, sondern eine verschollene Reinschrift R (bzw. [H2]) sei Druckvorlage für j und e gewesen, "allemal einfachere Erklärungen" für bestimmte Befunde in diesen Drucken (S. 345).

B. "Als Ausweg aus der Aporie, in die Lehmanns Hypothese", d.h. das Stemma H > j, e, führe oder "zu führen schien" (S. 345), operierten wir mit der bloß genötigten Anschlußhypothese" bzw. "Zusatzannahme" (ebd. u. S. 348), bei drei von j und e nicht berücksichtigten Textveränderungen in H, S. 139 f., handle es sich um eine Schicht von später als e datierenden Korrekturen. Der Vorzug sei demgegenüber Bergemanns erschließbarer "Vermutung" zu geben, die Szenenumstellung H, S. 139 f., bilde  zusammen mit einer formal entfernt ähnlichen Textergänzung H, S. 102, "Elemente einer einheitlichen Korrekturschicht", die z.T. bereits in j und e berücksichtigt wurde (S. 345-348, hier 347).

Die Stichhaltigkeit dieser zwei Haupteinwände ist zunächst zu prüfen.

Zu A: Der systematische Nachweis für das Stemma H > j, e ist im Editionsbericht MBA III.2 neben anderen Gründen (S. 239 ff. den biographischen Umständen; S. 264 f. der spontanen Beurteilung durch den Empfänger von H, Gutzkow; S. 272 f. der sorgfältigen Bestimmung von H zur Fremdlektüre; S. 296 ff. dem Überlieferungsweg von H) insbesondere durch acht näher erläuterte und eindeutige Leitfehler erbracht, die im Sinne von Bindefehlern die Abhängigkeit der Drucke j und e von H zweifelsfrei belegen und die Existenz einer weiteren Reinschrift R (bzw. [H2]) ebenso zweifelsfrei ausschließen (Editionsbericht, S. 273 f.; dort zusätzlich der Hinweis auf Besonderheiten von j und e bei in H zufällig zusammenfallenden Satz- und Zeilenenden). Eindeutige Gegenindizien im Sinne von Trennfehlern liegen nicht vor und werden auch von Wender nicht beigebracht. Ein Trennfehler könnte im vorliegenden Fall – und zwar mit einiger Beweiskraft – schon ein einziger, nur durch j oder e überlieferter Plustext sein, z.B. ein Nebensatz von wenigen 'autornahen' Worten, wie er auch von dem als eilig zu vermutenden Schreiber von R ([H2]) zu erwarten wäre. Bewerten wir also die Wahrscheinlichkeit, daß sich ein einzelner in H nachgewiesener Bindefehler in dem hypostasierten [H2] in gleicher Weise wiederholt hätte, mit höchstens 1:25 (in mehreren Fällen liegt die Wahrscheinlichkeit eher bei 1:50 oder noch niedriger), so liegt die Wahrscheinlichkeit, daß H nicht Vorlage der beiden Drucke war, bei 8 voneinander unabhängigen Bindefehlern bei 1:25 hoch acht, d.h. bei ca. 1:150 Milliarden. Wender streift einen einzigen dieser acht plus x Leit-, d.h. Bindefehler und übergeht mit der Forderung, es müsse für diesen Einzelfall die "Wahrscheinlichkeit" diskutiert werden, mit der [H2] "den Setzer" von j bzw. e "mit demselben Problem konfrontieren mußte wie H" (S. 344 f.), die im Prinzip bereits von Lehmann (1967, S. 20) formulierte und zwingende Schlußfolgerung der Leitfehleranalyse, wonach auszuschließen ist, daß dieselben uneindeutigen Befunde von H sich "immer wieder an denselben Stellen" in [H2] hätten wiederholen können.

Zu B: Wender befindet, unsere Annahme einer kleinen nachträglichen Schicht späterer Korrekturen in H, S. 139 f., sei nur der Verlegenheitsausweg aus einer ungesicherten Annahme A und "als Kühnheit oder als Mutwille" zu qualifizieren (S. 345 f.). Sie ist weder das eine noch das andere, sondern Deduktion aus dem zweifelsfrei nachgewiesenen Stemma (s.o. zu A.). In H, S. 139, ist das Wort "Unschuldige" bis zur fast vollständigen Unlesbarkeit durch "Unglückliche" überschrieben (vgl. Abb. in MBA III.1, S. 283). Wenn j und e dennoch "Unschuldige" bieten, dann erklärt sich dies naheliegend und mit großer Wahrscheinlichkeit dadurch, daß Büchner die Überschreibung erst nach dem Zurückerhalten von H, also nach dem Druck von j und e vornahm. Das gleiche gilt für die von j und e nicht berücksichtigte Umstellung der Szenen <IV>/1 und <IV>/2. Diese Umstellung ist in H, S. 139 f., mit demselben breiten Federstrich markiert wie die Überschreibung "Unglückliche", und nur diese, nach Autopsie beschriebene Relation, die auch im generell vergröbernden Faksimile erhalten bleibt, war für unsere Beurteilung maßgeblich. Wenders Belehrung, daß der Umstellungsstrich, tatsächlich aber: die ganze Markierung einschließlich Ziffer, "im Original nicht so 'fett'" wie "im Faksimile erscheint", wozu er S. 347, mit Anm. 16 f., noch die Beglaubigung durch drei Zeugen benötigte, ist daher verfehlt. – Wenders eigene Hypothesen zur fraglichen Stelle H, S. 139 f., setzen mit eklatanter Inkonsequenz und Gleichgültigkeit das zuvor bezweifelte Stemma H > j, e wieder voraus (S. 349) – ein deutlicher Beleg dafür, daß dem Rezensenten weniger an der Ermittlung des Sachverhalts gelegen ist als am 'Bekämpfen' der Edition um jeden Preis. Wender schreibt weiter, die Hrsg. der MBA hätten Fritz Bergemanns abweichenden Erklärungsversuch "unterschlagen" (S. 348). Richtig ist vielmehr, daß sie ihn ebenso wie alle anderen diesbezüglichen Erwägungen in Bergemanns Ausgabe von 1922 übergehen, und zwar aus folgenden Gründen: a) Bergemann ging von der falschen Annahme aus, R (= [H2]) sei die Druckvorlage für j und e; er argumentierte b) sogar unter dieser Annahme widersprüchlich mit einem 'Instinkt' des Bearbeiters Gutzkow (vgl. Wender, S. 348, Text zu Anm. 20) statt wie sonst und unter seiner Annahme näherliegend mit "Rückkorrektur von R" bzw. "in R wiedereingesetzt" (vgl. B 1922, S. 674, 677 u.ö.); und Bergemann druckte c) rätselhafterweise im Text das kräftig überschriebene, also in H gar nicht mehr lesbare Wort "Unschuldige". Damit folgte er lediglich j und e, im übrigen auch den späteren Drucken N (1850) und F (1879/80), ohne im Apparat die allein lesbare Überschreibung "Unglückliche" auch nur zu vermerken (vgl. B 1922, S. 68 u. 676 f.). – Wender liefert (S. 346 f.) eine Deutung von Bergemanns Bleistiftmarginale zu H, S. 139, die offenbar die richtige, zugleich aber auch das einzige Resultat dieser Besprechung ist. Ebenso überflüssig wie abwegig ist dagegen Wenders unterstellende Beurteilung, aus welchem Grund die Hrsg. keine Erklärung für die Marginalie fanden (S. 346 mit Anm. 13). Vor allem jedoch divinatorisch und im Ergebnis mit Sicherheit unzutreffend ist seine Annahme, in welche Richtung Bergemann, dem schon die Überschreibung nicht aufgefallen war, dabei "nachgedacht" und welche "Überlegung" bzw. "Vermutung" er implizit angestellt habe (S. 346-348). Die Rezension begibt sich damit in ihren umfänglichsten Abschnitten psychologisierend auf das Gebiet der Bergemann-Philologie. Und sie möchte durch die Klärung des genannten Details auf suggestive Weise, in Wahrheit aber nach der klassischen Form des non sequitur, zugleich die Genese des Büchner-Textes erhellen. Daß das eine auf dem Weg über das andere aber nicht möglich ist, zeigt die Vergegenwärtigung dessen, worum es hier geht: Bergemann registrierte mit der Marginalie, schon um sich der Bedeutung der Umstellungsmarkierungen zu vergewissern, sammelnd und zum Vergleich drei Stellen in H (dort S. 28, 31 u. 102; vgl. jeweils die Abb. in MBA III.1), an denen sich zwei Umstellungs- und ein Einweisungszeichen mit gewissen formalen Ähnlichkeiten zu den Umstellungszeichen (Wender, S. 346, Anm. 13, irrig: "Einweisung") in H, S. 139 f., finden. Daß man deshalb jedoch von "einer einheitlichen Korrekturschicht", und zwar einer solchen im "zeitlichen Zusammenhang" (S. 347) ausgehen dürfe – statt einfach nur von graphisch ähnlichen Arbeitsgewohnheiten (vgl. dazu MBA III.2, S. 270) –, dies trifft nicht zu, und dies kann auch Bergemann deshalb nicht angenommen haben, weil die Umstellungszeichen H, S. 28 und 31, die Wender nicht weiter erwähnt, ausschließlich miteinander korrespondieren (eindeutig zur Textverschiebung schon im Zuge der Niederschrift selbst), folglich mit der Passage über 100 Seiten später nichts zu tun haben können. Die Textergänzung H, S. 102, korrigiert dagegen ein offensichtliches Abschreibversehen, indem sie nämlich eine zwischen zwei unmittelbar aufeinanderfolgenden Repliken desselben Sprechers in der Entwurfsvorlage vorauszusetzende Zwischenrede eines anderen Sprechers nachträgt (vgl. MBA III.2, S. 267 u. 272). Sie hat also für sich einen speziellen Grund und kann trotz des ähnlich langen Strichs (der Einweisung) unmöglich in eine "einheitliche", d.h. genauer: kohärente ("zeitlich" zusammenhängende) "Korrekturschicht" mit den Umstellungszeichen und mit der Überschreibung H, S. 139 f., gebracht werden. – Und schließlich: man mag über denkbare Zusammenhänge zwischen Büchners irriger Schreibung "III." statt "IV. Act" auf derselben Seite 139 von H und einer redaktionellen Mißachtung der Szenenumstellung spekulieren (s. dazu Wender, S. 348 f.) – ein stimmiges Kausalverhältnis zwischen der "Notwendigkeit des Eingriffs" in puncto Aktzählung oder -grenze (ebd.) und Reihenfolge der Szenen ergibt sich daraus jedenfalls nicht. Schon gar nicht aber läßt sich auf diese Weise die auffällige Koinzidenz von angeblich mißachteter Umstellung und Überschreibung erklären, welch letztere Wender zwar S. 345 anführt, am entscheidenden Punkt seiner Argumentation S. 348 f. jedoch mit keinem Wort mehr berührt (offenbar als Folge dessen, daß auch Bergemann dies nicht tut, weil er die Überschreibung überhaupt nicht bemerkt hat).

Mit diesen beiden Hauptpunkten erledigen sich auch diverse Hilfsargumente und Nebeninvektiven Wenders, die im übrigen wenig Sachkenntnisse sowie eine mangelhafte, daher rein polemische 'Logik' der Schlußfolgerungen erkennen lassen. Nur einige Beispiele können hier vorläufig genannt werden:

Wender geht noch über Bergemann hinaus mit der "Vermutung", es sei "der erfahrenere Dramenautor" Gutzkow gewesen, der "als Redaktor" gezielt mit dramaturgischen Gründen Büchners Szenenumstellung an der bewußten Stelle H, S. 139 f., verworfen habe (S. 348 f.). Abgesehen davon, daß nach Wenders gegenteiliger Annahme zum Stemma (s.o. A.) einfacher damit zu rechnen wäre, Büchner selbst habe die Umstellung in [H2] wieder aufgegeben – Gutzkow hatte Ende März 1835, als er dem weniger erfahrenen Büchner so unter die Arme gegriffen haben soll, just auch nur sein erstes Drama Nero fertiggestellt (vgl. GBJb 9, 1995-99, S. 157).

Wender redet vom "besonders fatal[en]", in der MBA "auch sonst fallweise geübte[n] Verfahren, jeweils nur eine Auswahl von  Belegen in die Argumentation einzubeziehen" (S. 344). Es ist aber im textkritischen wie in jedem anderen Indizienbeweis üblich, nicht sämtliche, sondern nur eine zureichende Anzahl der am meisten stichhaltigen "Belege" anzuführen. Doch da Wenders Rezension schon sieben der acht zu oben A angeführten Leitfehler – als eine anscheinend irrelevante "Auswahl" – ignoriert, obgleich sie Bd. III.2, S. 273, auf 22 Zeilen genau beschrieben und für jedermann nachzulesen sind, dürfte er sich methodisch auch dadurch kaum überzeugen lassen, daß die ausführlichere Erwiderung noch etwa ein Dutzend nachreichen wird.

Wender behauptet, "auf der superfiziellen [d.h. freilich nur: der seiner Ansicht nach nicht zutreffenden] Einschätzung zu p. 139 f. von H" basiere "die gesamte Konstruktion" unserer Ausgabe "ab der Genetischen Darstellung" (S. 346). Dagegen habe sich Henri Poschmanns "Frankfurter Ausgabe [...] aus gutem Grund" für eine andere "Textkonstitution" dieser oben mehrfach  besprochenen Stelle entschieden (S. 349). Die abweichende Textkonstitution betrifft aber 1) nur eine kurze, genau begrenzte, in der Differenzierten Umschrift (MBA III.1, S. 282-285) dargestellte, damit erstmals anschaulich diskutierbare und auch in der Genetischen Darstellung (III.1, S. 468) deutlich vermerkte Passage. Die Textkonstitution ist 2) natürlich von der Beurteilung der betr. Korrekturen (s.o. zu B) abhängig, und der einzige Einwand, den Poschmann gegen meine schon 1987 skizzierte Auffassung vorgebracht hat, lautet: "vieles [!] spricht eher [!] dagegen" (P I, S. 444) – worauf Wender S. 349, Anm. 21, allen Ernstes wie auf ein Argument verweist, wenn er von Poschmanns angeblich "gutem Grund" spricht. Und 3) steht dem kritischen Hrsg. prinzipiell die freie Entscheidung zu, welche Text'fassung' er als Edierten und somit zur Grundlage des Emendierten Textes wählt.  Die MBA hat sich auch deshalb für die frühere Version entschieden, weil sonst das an den Emendierten Text angebundene Verzeichnis der Varianten von j und e in noch ungleich größere sachliche und darstellungstechnische Probleme geraten wäre als Wender sie S. 349, Text vor Anm. 22, zu einem Grenzfall moniert. Poschmann dagegen bevorzugte die spätere Fassung gewissermaßen 'letzter Hand'. Da die MBA auf den verschiedenen Ebenen der Darstellung sogar beide Fassungen bietet, ist ein Grund für Wenders Erregtheit umso weniger ersichtlich.

Wender folgt, wie bereits bemerkt, insgesamt einem merkwürdigen Verfahren des ableitenden Schließens: Zuerst unterstellt er Bergemann die unwahrscheinliche Vermutung" einer inexistenten "einheitlichen Korrekturschicht" (s.o. zu B); dann schreibt er, wenn "diese Hypothese" Bergemanns sich "erhärten" "ließe", dann "hätte das wohl fatale Folgen" für unsere gegenteilige "Hypothese der singulären [...] Spätkorrekturen" (S. 347) – ja wenn "ließe", dann "hätte" "wohl". Drei Seiten weiter aber möchte Wender sich begnügen [...] mit der Feststellung [sic!], daß Mayers Hypothese [...] in eine Sackgasse geführt hat" (S. 350); und dieses wiederum dürfe pars pro toto "hinreichend" auch noch als der "geführte Nachweis grober handwerklicher Fehler" und eines "Fehlstart[s]" der Marburger Ausgabe gelten (ebd.).

Ein gravierender Denkfehler unterläuft Wender dort, wo er (S. 345) fünf Stellen auflistet, an welchen unser Editionsbericht gegenüber den nach Bergemanns und Wenders Annahmen "allemal einfachere[n] Erklärungen" mit komplizierteren "Abläufen [...] bei der Herstellung von j und e" rechnen müsse. Wender übersieht dabei, daß es an vier dieser fünf Stellen (Editionsbericht, S. 255, 273, 287 u. 289 f.) um Fälle geht, in denen beim Satz von e die "Rückversicherung" in einer Autorhandschrift zwingend vorauszusetzen ist, unabhängig davon ob es sich nun um H oder [H2] gehandelt habe. Das gilt z.B. gerade für Lehmanns – wie Wender es S. 345 nennt – "Paradebeispiel", für die Korrektur eines unklaren, in j als Ziffer 3 verlesenen Fragezeichens. In H, S. 106, Z. 10, steht: "Auch der?" Hier bot der Journaldruck j in Repl. 419 "Auch der dritte.", der spätere Buchdruck e korrigierte zu "Auch der?" Wie soll dafür eine "einfachere Erklärung" möglich sein als eben die, daß beim Satz von e die Autorhandschrift eingesehen wurde? Zu den ganz anders gelagerten, von Wender hiermit vermischten oder verwechselten Fällen, "[i]n denen in den Drucken [j und e] ein Wortlaut wieder auflebt, der in H gestrichen war" (S. 345), vgl. MBA III.2, S. 279 u. 297 f. Hier zur Erläuterung nur soviel: Einmal hypothetisch innerhalb des falschen Stemmas (s.o. zu A) gedacht, so läge es also beispielsweise in der Konsequenz von Wenders "allemal einfacher", daß Büchner die durch eine interlineare Korrektur zuspitzende Wendung "bekam" statt "erwischte sie einen Buben" (Repl. 16: H, S. 5, Z. 14 f.) in [H2] wieder aufgegeben, zugleich aber – ausweislich der Restitutionen in den Widmungsexemplaren – erheblich gröbere Anstößigkeiten beibehalten hätte wie etwa Repl. 127: "Die Mücken treiben's ihnen [...] auf den Händen" oder Repl. 636: "mit den Würmern Unzucht treiben" (vgl. MBA III.1, S. 499 u. 504). Da diese beiden Wendungen in e selbstverständlich abgeschwächt wurden, hat die Forschung auch für Repl. 16 einhellig und zu Recht angenommen, daß sich Gutzkows Präventivzensur hier routiniert die in H getilgte, aber ohne weiteres lesbare Formulierung "erwischte" für j und e zunutze machte. Zu einem anderen Urteil scheint selbst Bergemann nicht gekommen zu sein, der im Text "bekam" bietet und das aufgegebene "erwischte" als Entstehungsvariante verzeichnet (B 1922, S. 10 u. 667).

Andere Seitenhiebe Wenders disqualifizieren sich von selbst. So die Behauptung, die Danton-Bände ließen den "Stil überheblicher Geringschätzung anderer Auffassungen" erkennen (S. 350). Dies etwa weil wir Poschmanns Argument "vieles spricht eher dagegen" nicht folgten, oder weil wir uns angesichts der beiden vorliegenden "Auffassungen" zum Stemma begründet der seit Lehmann 1967 "herrschende[n] Meinung" (insoweit zutreffend Wender, S. 344 u. 348) angeschlossen haben? Die Entscheidung für eine von zwei gegensätzlichen Annahmen impliziert zwangsläufig die 'geringere Schätzung' der jeweils anderen. In der Tat "überheblich" aber erscheint es, daß und wie Wender die Auffassung u.a. von Lehmann 1967, Mayer 1979/1980/1981/1987, Erich Zimmermann 1981, Hauschild 1985 u. 1993, jetzt Dedner und Mayer, nicht zuletzt aber dezidiert auch von Poschmann 1992 (vgl. P I, S. 427 ff.) verwirft und daß er sich als Resümee seiner in den Haupt- wie Nebenpunkten unhaltbaren Kritik zu dem Urteil versteigt, mit der MBA habe "die textkritische Diskussion zu Danton's Tod [...] noch nicht einmal richtig begonnen" (S. 349).

Reine Rhetorik sind Wenders Andeutungen über 'beendbare Textkritik' im Zusammenhang mit der mißlichen sechsjährigen Verzögerung des Druckes der Danton-Bände (wozu Bd. III.2, S. 355 f., in aller Klarheit Auskunft gibt), die nun als "Flaggschiff" der MBA "im symbolträchtigen Jahrtausend-Jahr" herausgegeben worden seien (S. 340). Desgleichen die Rede über das dem  Rezensenten "von Jahr zu Jahr rätselhafter" gewordene, "von der Öffentlichkeit abgeschiedene Treiben der Editionsspezialisten", welche die MBA bearbeiten (S. 341). Diese sind zwar an einer der Öffentlichkeit jederzeit zugänglichen und frequentierten Forschungsstelle der Marburger Universität tätig sowie gegenüber einer Reihe von Gremien in der Pflicht, doch es ist nicht bekannt, daß andere Historisch-kritische Ausgaben auf dem Jahrmarkt erarbeitet würden, was auch für Wenders jetzt 23-jährige Tätigkeit an der Saarbrücker "Arbeitsstelle für literaturwissenschaftliche Datenverarbeitung" bzw. "Digitale Edition" oder "Edition & Computer" nicht anzunehmen ist. Deren "Publikationen" (ein 16-seitiger Aufsatz in Koautorschaft sowie "Thesen" im Marbacher Datenspeicher) und "Bisherige Arbeiten" nehmen sich auf der betr. Seite des Internets nicht eben gewaltig aus (http://schiller.germanistik.uni-sb.de/edition.htm; 06.07.01). Eine eigene, von Grund auf vollständig bearbeitete und gedruckte Edition scheint nicht darunter zu sein.

Gerade editionspraktisch und buchtechnisch jedoch sind spitzfindige Forderungen Wenders zurückzuweisen wie S. 342 die nach einem "Gesamtinhaltsverzeichnis" der Danton-Bände. An welcher oder welchen Stelle(n) wünschte er sich ein solches denn beigebunden? Kein Benutzer wird es vermissen oder würde es je wieder konsultieren, nachdem er schon den sprechenden Rückentiteln der vier Teilbände die wesentliche Handhabe entnehmen konnte, um von den vielfachen spezifischen Querverweisungen zwischen den Bänden nicht zu reden. Nicht anders steht es mit einem "Gesamtliteraturverzeichnis", dessen Fehlen Wender den Herausgebern, die auch hierdurch im Sinne der Benutzerfeindlichkeit "an jeder [!] Form von Erschließung" 'gespart' hätten, nachgerade als Dilettantismus im "philologisch Handwerklichen" ankreidet (ebd.). Da jedoch über ein kleineres Segment durchgängig herangezogener Quellen und Literatur hinaus in den vier Bänden jeweils andere Titel zitiert werden, wäre gerade ein Gesamtverzeichnis in jeder denkbaren Form unsinnig: nämlich ein gleichlautendes in allen vier Bänden wegen der Papierverschwendung und des erschwerten Nachschlagens, ein solches etwa nur im 4. Band, weil die übrigen Teilbände dann nicht separat benutzbar wären. Mit derlei mißglückten Versuchen, eine Edition zu bekämpfen – und auf diese unerhörte Absichtserklärung ist noch einmal hinzuweisen –, steht allein das "Handwerkliche" dieser Besprechung in Frage, die stattdessen schon ihrer Informationspflicht über die Grundzüge unserer Ausgabe nicht nachkommt.

Zu akzeptieren ist Wenders Kritik, daß der Edition ein Register fehlt, wofür die Büchner-Forschungsstelle, die in 20 Jahren nicht weniger als 34 Bände publiziert hat, leider keine freien Kräfte hatte und was das Erscheinen noch weiter verschoben hätte. Hier läge also eine schöne Aufgabe für die Saarbrücker Arbeitsstelle, die umgekehrt Erfahrung darin hat, z.B. "Personenregister zu Herder und Goethe" ohne die betreffenden Ausgaben selbst anzufertigen.