Georg Büchner
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Seitenblick 5
Herbert Wender, Abschließende Stellungnahme(n)
(August 2001)

Mayers Text beruht vom ersten Satz an auf der Unterstellung, meine Einwände gegen die Erörterung textkritischer Sachverhalte in der Marburger Ausgabe seien nicht intrinsisch, hier: editionswissenschaftlich, sondern extrinsisch, nämlich 'politisch' motiviert. Fast wörtlich hat dann Burghard Dedner, Mayers Chef an der Marburger Forschungsstelle, an der die Ausgabe erarbeitet wird, noch in der Anrede eines Offenen Briefes (vom 24. Juli 2001) Mayers Eingangssatz wiederholt, um mich als Hauptübeltäter an den Pranger zu stellen: weil ich verantwortlich wäre für die öffentliche Kritik, die seit einem SPIEGEL-Artikel im Dezember 2000 über den "Marburger Institutionen" der Büchnerforschung niedergegangen ist.

Folgt man der Argumentation von Mayer und Dedner, hätte ich im nachhinein meine Beweggründe offengelegt:

"Herbert Wender hat am 30. Juni 2001 auf der Jahresversammlung der 'Georg Büchner Gesellschaft' wörtlich erklärt, er werde die [...] Danton-Bände der Marburger Büchner-Ausgabe 'bis aufs letzte bekämpfen'. [...] Der ostensible Hauptgrund für diesen Feldzug [...] ist ein politischer." (Mayer)

"Sehr geehrte Damen und Herren, am 30. Juni 2001 erklärte Herr Dr. Herbert Wender aus Saarbrücken es öffentlich zu seinem Ziel, die von uns im letzten Jahr herausgegebene Edition von Büchners 'Danton's Tod', den zuerst erschienenen Teil der Marburger Büchner-Ausgabe, 'bis aufs Letzte zu bekämpfen'. Zu den Mitteln dieses Kampfes gehört eine extensive Pressekampagne." (Dedner)

Ich meinerseits behaupte dagegen: Das sind taktische Winkelzüge, die davon ablenken sollen, daß meine textkritischen Einwände die Ausgabe an einer Stelle treffen, wo die Herausgeber sich für unangreifbar hielten. Ich will nicht mit Mayer darüber rechten, ob er als geübter Gedankenleser, der ja auch schon Hauschilds Psyche bis ins Innerste ergründet hat, es wirklich so weit gebracht hat, daß ihm meine Gründe 'ostensibel' wären – und gar der Hauptgrund! Es ist in diesen Dingen so, daß ihm glauben wird, wer ihm glauben will. Allen anderen aber sei gesagt, daß ich hier in Saarbrücken eine ganze Reihe von Personen benennen kann, die wissen, daß mich seit langem die Frage beschäftigt, ob Büchners Stück 3-aktig oder 4-aktig intendiert war. (Und man muß sich nicht als Testamentsvollstrecker des Dichters fühlen, um solche Fragen nach Autorintentionen zu stellen.) Ich denke, es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, daß enttäuscht wird, wer mit solchem Fragehorizont der Marburger Danton-Ausgabe sich zuwendet. Hier liegt der nicht "ostensible", doch immerhin tatsächliche Hauptgrund für eine Kritik, "die in dem Satz gipfelt, mit unserer [sc. der Marburger] Ausgabe habe die 'textkritische Diskussion' zu dem Drama 'noch nicht einmal richtig begonnen' " (Dedner).

Ich habe nun also auf zweierlei zu erwidern: erstens auf Mayers Versuch, meine Einwände gegen seine textkritischen Darlegungen zu entkräften, und zweitens auf Dedners Unterstellung einer rufschädigenden "Pressekampagne". Letzteres ist mir entschieden wichtiger, denn über ersteres wird letztlich in der weiteren editionswissenschaftlichen Fachdiskussion entschieden werden und nicht in Replik und Duplik aus aktuellem Anlaß. Daß hingegen Dedner eine unbestimmte Anzahl von Kollegen und insbesondere auch meine unmittelbaren und mittelbaren Dienstvorgesetzten angeschrieben hat, um den angeblichen "Amoklauf" (Mayer), der die ganze Zunft in Verruf bringe, zu stoppen, das geht so entschieden zu weit, daß ich – nachdem meine Forderung nach Rücknahme dieser Vorwürfe in Marburg kein Gehör gefunden hat – den "Eklat" (www.netzeitung.de 2.7. 17:28) wenigstens in den Grundzügen aus meiner Sicht referieren will, damit nicht unwidersprochen im Raum stehen bleibt, was auf der Homepage der Marburger Forschungsstelle weiterhin behauptet wird. (Einem entsprechenden Leserbrief Dedners in der Frankfurter Rundschau vom 27. Juli 2001 habe ich bereits in einem am 6.8. veröffentlichten Leserbrief widerspochen.)

a. Zu Mayers Erwiderung

Es trifft sich in dieser Situation gut, daß sich Mayers 'vorläufige' Erwiderung in wenigen Sätzen erledigen läßt; erst auf die angekündigte vervollständigte Version werde ich dann gegebenenfalls ausführlicher zu antworten haben. Mayer behauptet "Ad A.", der von ihm – nach Lehmanns Hypothese, die Handschrift H sei von Büchner nach Frankfurt geschickt worden und damit der letzte autornahe Textzeuge vor der Drucküberlieferung in j und e – ausführlich erläuterten Stemma-Hypothese sei bereits ohne weitere Belege, allein aufgrund der 8 in MBA III.2, S. 273, angeführten "Leitfehler" eine so hohe Wahrscheinlichkeit beizumessen, daß sie als "zweifelsfrei bewiesen" gelten dürfe. Seine Argumentation leidet indessen an zwei grundsätzlichen Mängeln:

1) Bevor Mayer das angekündigte Dutzend weiterer "Indizien" bringt, möge er doch bitte erläutern, wie er die Begriffe "Leitfehler" bzw. "Bindefehler" umdefiniert hat; denn gemeinhin versteht man unter einem Bindefehler eine signifikante Übereinstimmung zweier Textzeugen in einem Textfehler oder auch in einer Besonderheit, die gegenüber mindestens einem weiteren Zeugen als Variante in Erscheinung tritt. Gegeben ist aber folgende Situation:

a) Die geringe "Anzahl stehengebliebener gröberer Irrtümer" in H (vgl. a.a.O. S. 272) führt zu keinem Anhaltspunkt für die stemmatische Betrachtung, denn die genannten Textfehler (und insbesondere die widersprüchliche Aktzählung!) sind in den nächstgreifbaren Zeugen, in der Drucküberlieferung, sämtlich 'beseitigt'.

b) An den von Lehmann und/oder Mayer angeführten Stellen ist der Text in H korrekt, Fehler sind erst in der Drucküberlieferung gegeben. An die Stelle der Abwägung, ob H selbst oder eine Abschrift von derselben Hand diese Fehler veranlassen konnten, kann folglich nicht eine Berechnung nach dem Wahrscheinlichkeitskalkül 'unabhängiger Leitfehler' treten.

2) Die genealogische 'Abhängigkeit' des Erstdrucks von der überlieferten Handschrift H wurde bisher von niemandem bestritten. Beide konkurrierenden Hypothesen setzen vielmehr diese Abhängigkeit voraus:

a) H – [H2] – j/e (Hypothese bis einschl. Bergemann)

 b) H – [h] – j/e (Hypothese MBA; im Grundsatz seit Lehmann)

Wie in einem solchen Fall die Methode der Leitfehleranalyse valide Ergebnisse zeitigen kann, ist zumindest nicht unmittelbar einleuchtend.

Vorläufig erübrigt es sich also, auf die von Mayer – ohne statistische Angaben, also ohne nähere Begründung der Basiszahlen – eingeführte Wahrscheinlichkeitsbehauptung ("1:25 hoch acht, d.h. [...] ca. 1:250 Milliarden"!) einzugehen. (Auf welcher Grundlage kann man z.B. im Fall "Laflotte" vs. "La Flatte" für die Wiederholung der – möglicherweise – fehlerverursachenden Graphie in der hypothetischen Abschrift eine Wahrscheinlichkeit von 1:25 abschätzen?)

Mit der Argumentation "Ad A." fällt auch die wesentliche Grundlage für die Beurteilung "Ad B.": Von einer schlüssigen Herleitung aus einem zweifelsfrei bewiesenen Stemma kann keine Rede sein. Und wenn wir erst einmal die Varianz der Drucke an Stellen wie Repl. 468f. diskutiert haben werden, dürften von den MBA-Herausgebern selbst ganz andere Beurteilungsgrundlagen eingeräumt sein für Hypothesen über mögliche Eingriffe während der Bearbeitung der Druckvorlage von j bzw. e.

Eine Bemerkung Mayers sei aber noch aufgegriffen, weil sie einen Grundzug seiner Entgegnung zeigt: "[...] der einzige Einwand, den Poschmann gegen meine schon 1987 skizzierte Auffassung vorgebracht hat, lautet: "vieles [!] spricht eher [!] dagegen" (P I, S. 444) – worauf Wender S. 349, Anm. 21, allen Ernstes wie auf ein Argument verweist, wenn er von Poschmanns angeblich "gutem Grund" spricht". Poschmann hatte bereits am 19.10.1993 auf eine entsprechende Anfrage der Marburger Forschungsstelle geantwortet, gegen die Annahme von Änderungen in der Handschrift von DT nach Rückerhalt sprächen seiner Meinung nach "alle äußeren Umstände zu der Zeit: die Arbeitssituation, die fehlende Aussicht einer Zweitveröffentlichung zu der Zeit; außerdem textinterne Indizien, wie die Vereinzeltheit der infrage kommenden Stellen. Bei Überarbeitungsabsicht müßte es sicher mehr Neuansätze geben. Es wären in dem Falle auch Hinweise einer Koordinierung von H und den sporadischen Verbesserungsansätzen in E(B/S) zu erwarten, die fehlen." Eine Antwort hat Poschmann seinerzeit darauf nicht erhalten; Mayers Ausrufezeichen sind hier also fehl am Platze.

b. Zu Dedners Anschuldigungen

Dedner verschweigt die Vorgeschichte der Auseinandersetzungen in der Georg Büchner Gesellschaft, deren Beginn Mayer kurzerhand auf 1987 rückdatiert hat. Ich selber vermag im Vortragen einer begründeten Deutung zu "Dantons Tod" bzw. zu Büchners Beurteilung von historischen Vorgängen im Verlauf der Französischen Revolution keinen Verstoß gegen die guten Sitten einer wissenschaftlichen Gesellschaft zu sehen; ich interpungiere den Streit also anders:

1. Die üblichen wissenschaftlichen Umgangsformen hat mir gegenüber als erster Ivan Nagel durchbrochen, als er 1991 im Georg Büchner Jahrbuch 7 (1988/89) auf meine Kritik an seinen Thesen mit der diffamierenden Vokabel "altstalinistisch" antwortete. Verantwortlich für das Erscheinen dieser Formulierung war der Herausgeber des Jahrbuchs: Thomas Michael Mayer. Ob er auch verantwortlich war für Nagels Wertung – was einige Kollegen vermuteten –, entzieht sich meiner Kenntnis; Mayer selbst bestreitet es.

2. Unter Niveau war von Anfang an Mayers Feldzug gegen Hauschilds Biographie, der 1993 mit den Presseerklärungen zum spektakulären Butzbacher Brieffund ins bundesdeutsche Feuilleton getragen wurde. Meine Stellungnahme in dieser Sache ist den Protokollen der nächstfolgenden Mitgliederversammlungen der Georg Büchner Gesellschaft zu entnehmen; mit meiner Forderung, die Gesellschaft müsse sich wegen der in einer Jahresgabe der Gesellschaft erschienenen Unterstellungen bei dem Mitglied Hauschild entschuldigen, konnte ich mich nicht durchsetzen. (Immerhin wurde Mayer als Vereinsvorsitzender von Dedner abgelöst, so daß man hinsichtlich der Umgangsformen Besserung erwarten durfte.)

3. Auf eine grob mißgünstige Kritik eines Ex-Mitarbeiters der Marburger Forschungsstelle gegen den 2. Band der Büchner-Ausgabe im Klassiker-Verlag reagierte der Herausgeber Poschmann mit seinem Austritt aus der Gesellschaft Ende 1999. (Seinen – m.E. berechtigten – Vorwurf, die Büchner-Gesellschaft fungiere unter Mißachtung ihres Satzungsauftrages nur noch als Hilfsorgan der Marburger Forschungsstelle, habe ich im Vorfeld der Mitgliederversammlung, die am 4. November 2000 in Darmstadt stattfinden sollte, aufgegriffen.)

4. Beim Kongreß der Arbeitsgemeinschaft germanistischer Editionen im Frühjahr 2000 zitierte Dedner als Beleg für Mängel der Kommentierung von Dramenstellen, die aus fremdsprachigen Quellen übersetzt sind, eine Stelle aus Poschmanns Danton-Kommentar, ohne anzumerken, daß die bemängelte Erläuterung (zu "die ehrlichen Leute") lange vorher von Mayer in die Forschung eingeführt worden war.

5. Mit dem Erscheinen von Knapps Neuauflage des Metzler-Realienbandes zu Georg Büchner wurde – aufgrund einer Angabe im Literaturverzeichnis – bekannt, daß Mayer seine Kampagne gegen Hauschilds Biographie fortführen würde; für das Büchner-Jahrbuch, das zur Buchmesse im Herbst 2000 erscheinen sollte, waren nämlich 150 (!) Seiten "Einwendungen zu Methode, Ergebnissen und Forschungspolitik" angekündigt.

6. Die Jahrbuch-Herausgeber Dedner und Mayer intervenierten dann beim Verlag, um zu verhindern, daß das konfliktträchtige Jahrbuch vor dem Termin der Mitgliederversammlung (4. Novmber) erschien; man wollte offensichtlich den zu erwartenden Eklat um das Jahrbuch von dem gleichzeitigen Pressetermin zur Vorstellung der Danton-Bände (4.11.) fernhalten.

7. Mein über den Geschäftsführer der Georg Büchner Gesellschaft an die Mitglieder gerichteter Brief vom 25. Oktober wurde nicht weitergeleitet, obwohl ich Kostenerstattung angeboten hatte; auf der Mitgliederversammlung wurden nur die darin enthaltenen Anträge vorgelegt, nicht aber der Briefkontext, in dem die Anträge begründet wurden.

8. Über den Ablauf der Mitgliederversammlung vom 4.11.2000 informiert das Protokoll nur unvollkommen. Meine Einwände habe ich bei der diesjährigen Mitgliederversammlung am 30.6.2001 vorgetragen; ihre Veröffentlichung als "Erklärung zum Protokoll" wurde beschlossen, steht aber ebenso aus wie das Protokoll 2001.

9. Seit das Georg Büchner Jahrbuch 9 (1995-1999) erschienen ist, kann jeder nachlesen, auf welchem Niveau sich das abspielt, was Dedner selbst in seiner Presseverlautbarung gegenüber dpa als "einer wissenschaftlichen Gesellschaft [...] nicht würdig" findet: daß "die an sich wünschenswerte wissenschaftliche Auseinandersetzung über Büchner [...] auf eine persönliche Ebene gezogen" wurde (dpa 2.7.2001 15:59). (Soweit in dieser Auseinandersetzung die "persönliche Ebene" berührt wurde, verantworten das Nagel (1991) und Mayer (1993) – und jetzt eben auch Dedner, den ich nicht auf dieser Ebene angegriffen habe, auf der er selbst sich mit seinem Rundschreiben bewegt.)

10. Nach Begutachtung der Anfang November 2000 erschienenen Danton-Bände der Marburger Ausgabe habe ich einem SPIEGEL-Redakteur auf Anfrage mit Einwänden insbesondere zu zwei Passagen des Editionsberichts geantwortet (MBA III.2, S. 178-197: 'Geschichtsklitterung'; S. 296-298: 'textkritisch unzureichend begründet'). Anderen Beurteilungen in dem SPIEGEL-Artikel vom Dezember 2000 liegen keine Informationen von meiner Seite zugrunde. Insbesondere weise ich die Behauptung als wahrheitswidrig zurück, ich hätte "den SPIEGEL-Redakteur Dr. Johannes Saltzwedel mit [...] z.T. falschen Informationen" 'versorgt' (Dedner); soweit ich der Presse gegenüber "Informationen" über die sogenannten "Marburger Institutionen" weitergegeben habe, waren diese weder ganz noch teilweise falsch. Man vergleiche im übrigen die in der FAZ am 12. Dezember, also noch vor dem beanstandeten SPIEGEL-Artikel, erschienene Besprechung von Thomas Wirtz, in der die Marburger Ausgabe auch nicht besonders gut wegkam. Warum nimmt Dedner jetzt nur zum SPIEGEL-Artikel Stellung, nicht aber zur FAZ-Rezension, in der vergleichbare Kritik an der editorischen Großtat geäußert wurde? Offensichtlich, weil sonst die Rationalisierung: 'durch Wenders mißgünstige Pressekampagne beeinflußt' in sich zusammenbräche.

11. Bis Mitte März hatte ich meine Einwände gegen die textkritische Argumentation in MBA III.2 ausformuliert; den Text reichte ich beim Forum Vormärz Forschung zur Veröffentlichung ein, weil dort das Jahrbuch 2000 noch ausstand.

12. Ebenfalls im März kam das Protokoll zur vergangenen Mitgliederversammlung gemeinsam mit der Einladung zur nächsten Mitgliederversammlung am 30. Juni 2001. Meine diesbezüglichen Briefe – mit der Forderung nach Rücktritt des Vereinsvorstands und Neubesetzung der Jahrbuch-Redaktion sowie der Kundgabe meines Austritts zum 31.12. d.J. im Falle des Scheiterns dieser Anträge – blieben (mit Ausnahme eines satzungsrechtlichen Postskriptums) ebenso unbeantwortet wie die Frage, was mit meinem seinerzeit an die Mitglieder nicht weitergeleiteten Brief vom 25. Oktober 2000 geschehen werde.

13. Die Mitgliederversammlung wurde vom Vorsitzenden mit der Bemerkung eröffnet, daß er meinen Austritt ausdrücklich nicht bedauere. (Vgl. auch dieselbe Aussage gegenüber der Saarbrücker Zeitung; SbrZtg v. 12.7.) Gegen seine Stimme wurde eine auf 20 Minuten begrenzte Aussprache über meine Beschwerden beschlossen. Am Ende dieser Aussprache, in der außer dem SPIEGEL-Artikel auch die – zu Beginn der Sitzung im Separatdruck verteilte – FVF-Rezension zur Sprache kam, fiel die jetzt von Dedner und Mayer wiederholt und in signifikanter Verkürzung aufgegriffene Bekundung meiner Entschlossenheit, eine Ausgabe zu bekämpfen, in der mit anderen Meinungen so umgegangen wird wie im Editionsbericht des Marburger "Danton".

14. Nachdem ich am Sonntag, dem 1. Juli, Hauschild über den Verlauf der Mitgliederversammlung unterrichtet hatte, erklärte der gegenüber der Georg Büchner Gesellschaft seinen Austritt und gab das am Montag, dem 2. Juli, unter Verweis auf Poschmanns früheren Austritt (1999) und meinen Austritt (zum 31.12. d.J.) über dpa Düsseldorf bekannt.

15. In der Mittagszeit dieses Montags erhielt ich einen Anruf von dpa Frankfurt, wo man in Sachen Büchner-Gesellschaft weiterrecherchierte. Wie man der am gleichen Tag verbreiteten Meldung entnehmen kann, wurde dann auch noch in Marburg nachgefragt: In allen Veröffentlichungen, die mir bekannt wurden, insbesondere auch in der FR vom 3.7., stand Meinung gegen Meinung.

16. Die Marburger Presseerklärung enthielt zumindest eine Behauptung, der strikt zu widersprechen ist: "Konkurrenz um Forschungsgelder" spielte in der gesamten Auseinandersetzung ersichtlich keine Rolle. Und trivialpsychologische Erklärungsversuche wie "verletzte wissenschaftliche Eitelkeiten" waren nicht gerade geeignet, zu einem entspannteren Gesprächsklima zurückzuführen. Es erscheint doch etwas billig, wenn die Herren für sich selbst hehre 'forschungspolitische' Ziele in Anspruch nehmen, bei anderen aber immer nur niederste persönliche Motive vermuten. Zudem war es falsch zu behaupten: "Wender [habe] seinerseits angekündigt, alles unternehmen zu wollen, um die Edition der Forschungsstelle zu verhindern" (dpa 2.7.).

17. Erst zwei Tage später (5.7.) erschien in der FAZ eine entsprechende Meldung, die als Eigenbeitrag der Redaktion ausgewiesen war; die Erwähnung meines Vorhalts war jedoch offenkundig aus den mittlerweile erschienenen Meldungen übernommen, denn ich hatte außer mit dpa keinen weiteren Pressekontakt. Andererseits hatte die FAZ aber vermutlich Kontakt mit der Marburger Forschungsstelle, denn anders ist nicht zu erklären, daß jetzt auch noch ein speziell an die Adresse Poschmanns gerichteter Vorwurf erschien. Mit Poschmann wiederum hatte die FAZ nicht gesprochen, so daß der Marburger Vorwurf unwidersprochen im Raum stand.

18. Aus München erreichte mich einige Tage später die Anfrage des Journalisten Heribert Kuhn, der im Auftrag der Frankfurter Rundschau zur Büchner-Ausgabe recherchierte und von meiner Rezension durch eine Ankündigung auf der Homepage von Henri Poschmann erfahren hatte. Ich kann nichts Verwerfliches darin sehen, daß ich diesen Text, der ja mittlerweile schon den Mitgliedern der Gesellschaft sowie den Herausgebern der MBA bekannt war, auch diesem Journalisten zugänglich machte.

19. Am 16. Juli war das Jahrbuch 2000 des FVF bei mir im Posteingang. Am 17. Juli erschien Kuhns Artikel, und am selben Tag erreichte mich ein Anruf von Thomas Michael Mayer aus Marburg, der um Zusendung einer Datei zu meiner Rezension bat (mit Verweis auf die Seitenzahlen im Jahrbuch); er habe bereits eine vorläufige Version seiner Erwiderung fertig und bitte um Veröffentlichung auf der Homepage des FVF.

20. Am Abend desselben Tages schickte ich die gewünschte Datei nach Marburg mit einem Begleitbrief "An die Mitarbeiter der Forschungsstelle" (Email vom 17.7.), in dem es u.a. hieß: Wenn Sie das Gefühl haben sollten, auf unfaire Weise angegriffen zu werden, sollten Sie sich um ein von neutralen Vermittlungspersonen moderiertes Forum für die Diskussion der Historisch-Kritischen Büchner-Ausgabe bemühen. Ich persönlich trenne zwischen Forschungsstelle und Büchner-Gesellschaft und würde mir auch andere Formen des Umgangs wünschen, stieß aber bekanntlich auf taube Ohren. Wie die Sprichwörter sagen: Wer nicht hören will... oder auch: Wie man in den Wald...

[...]

Noch 2 Klarstellungen:

Wer in einem Verein für Änderungen eintritt und, wenn er diese bei der gegebenen personellen Besetzung nicht für durchsetzbar hält, den Rücktritt des Vorstands fordert, will mitnichten "die Gesellschaft vernichten" (Dedner in der Saarbrücker Zeitung) – oder kann diese Gesellschaft ohne diesen Vorstand nicht überleben? Und auch als ich seinerzeit aus vergleichbaren Gründen aus der GEW ausgetreten bin, wollte ich nicht die GEW vernichten – ist doch einleuchtend, oder?

Ich habe in Gießen nicht nur wörtlich gesagt, daß ich "diese Ausgabe bis aufs Äußerste bekämpfen" werde, sondern habe dafür auch eine Begründung angegeben: nachdem ich zur Kenntnis genommen habe, wie in dem DT-Kommentar mit anderen Meinungen umgegangen wird. (Man vgl. die Gegenüberstellung von 'neuerer Historiographie' und 'jüngerer Büchnerforschung'; eine Diskussion hatte ich ja auch für Gießen zum Stichwort "Geschichtsklitterung" angeboten.) Es ist also durchaus falsch, wenn der FAZ gesagt wurde, ich wolle die Ausgabe "verhindern" – im Gegenteil: mit Poschmann freue ich mich auf jeden Band, weil jeder Band beweisen wird, daß man kooperativ bessere Ergebnisse erzielt hätte...

21. Am 18. Juli verschickte die Marburger Forschungsstelle Rezension und Erwiderung per Email-Liste an "Kolleginnen&Kollegen"; in der darauffolgenden Woche wurden die beiden Texte auf der Homepage des FVF eingestellt.

Soweit der Ablauf vor dem Marburger Rundbrief, der mit der mutwilligen Wiederholung von Nagels alter Diffamierung alles andere als ein Beitrag zur Deeskalation war. Irre ich mich, wenn ich behaupte, daß Mayer und Dedner aus taktischen Gründen die verschiedenen Ebenen der Auseinandersetzung bewußt durcheinander bringen? Nachdem ich versucht hatte, Mayer die Unzulässigkeit solcher Vermengung telefonisch auseinanderzusetzen, erneuerte er in einem Brief vom 26.7.2001 den Vorwurf der politischen Motiviertheit meiner Kritik an der MBA. Daraufhin versuchte ich es noch einmal schriftlich (Email an Mayer am 27.7.). Wie man heute (20.8.) auf der Marburger Homepage immer noch sieht, blieb auch dieses Schreiben folgenlos. Die folgenden stichwortartigen Richtigstellungen sind deshalb vorläufig mein letztes Wort in dieser Angelegenheit:

1. Ich finde es nach wie vor empörend, wie im Editionsbericht der Marburger Danton-Ausgabe mit anderen Forschungsmeinungen umgegangen wird, und ich meine damit nicht nur die Linie Jancke/Wender/Hauschild, über die es abschließend heißt:

"Frühsozialistische Strömungen und deren Kritik am Neojakobinismus erscheinen aus dieser die neojakobinischen Positionen auf Büchner übertragenden Sicht als antirevolutionär." (MBA III.2, S. 181)

Ich meine damit zugleich auch das Verschweigen jener Kritik an Mayers Bild vom libertär-sensualistischen Frühkommunisten Büchner, die 1981 von Ruckhäberle, und der Einwände gegen Mayers Danton-Deutung, die – in Fortführung eines frühen Aufsatzes von 1973/74 – ausführlich 1995 von Terence M. Holmes vorgetragen wurde.

2. Da Mayer nicht leugnen kann, daß in Buonarrotis Revolutionsgeschichte von 1828 – die er selbst 1979 als "Lehrbuch" des Frühkommunismus für die französischen Republikaner der 1830er Jahre herausgestellt hatte – Robespierre und Saint-Just als Vorläufer Babeufs und auf der anderen Seite Dantonisten wie Girondisten, aber auch Zentralfiguren des Hébertismus als Verräter gelten, unterscheidet er jetzt zweierlei Buonarrotisten: die guten Klugen, die man mit Büchner vergleichen darf und denen das Prädikat ‚neobabouvistisch' vorbehalten bleibt, und die weniger Guten, die angeblich 'neojakobinisch', d.h.: borniert denken. Wie das im Editionsbericht der Marburger dargestellt wird, nenne ich "Geschichtsklitterung". Und ich protestiere gegen die Unterstellung, die "jüngere Büchnerforschung" hätte die "neuere historische Forschung" nicht rezipiert (MBA III.2, S. 180); umgekehrt bleibt zu fragen, ob von den Marburgern überhaupt noch der Babeuf-Kongreß von 1989 – mit einschlägigen Debatten auch zum Babeuf-Erbe im 19. Jahrhundert – zur Kenntnis genommen wurde. (Vgl. jetzt auch die Texte aus den "Cahiers d'Histoire" unter: http://www.internatif.org/EspMarx/CahiersdHistoire/Cahiers-77/)

3. Für die Deutung der revolutionsgeschichtlichen Vorgänge, die Büchner dramatisiert, ist es ersichtlich irrelevant, ob das Stück 3 oder 4 Akte hat. Das aber steckt im Kern hinter meiner Nachfrage, ob die Textdarbietung der Marburger Ausgabe wirklich so alternativlos ist, wie es im Editionsbericht dargestellt wird. Wer behauptet, ich würde eine solche Debatte nur deshalb führen, weil mir 'die ganze Richtung nicht paßt', weiß sich anscheinend anders nicht mehr zu helfen. Da muß ich dann passen.

4. Gerade wer beruflich ständig mit historisch-kritischen Ausgaben arbeitet, wird doch öffentlich seine Meinung über die Entwicklung in diesem Feld äußern dürfen. Ich beschränke mich hier auf drei Beispiele im Umgang mit der MBA :

a) Wenn ich in einem Telefonat mit Mayer auf eine bestimmte Überlieferungsgegebenheit hinweise und mit Seite und Zeile auf den von ihm eingerichteten Apparat in Bd. III.2 verweise und wenn er dann auf der anderen Seite der Leitung erst mal seine Klebe-Synopse zu Rate zieht, belegt das doch eindrucksvoll, daß es effektivere Arbeitsmittel als den Fußnoten-Apparat gibt.

b) Wer die weiter oben von mir ad I. angeführte Behauptung, daß die im Editionsbericht MBA III.2, S. 272, aufgelisteten "Irrtümer" von H als solche in j und/oder e nicht mehr erscheinen, am Apparat des Emendierten Textes überprüft, kann anschaulich nachvollziehen, warum ich das Fehlen einer Konkordanz zwischen den unterschiedlichen Systemen der Textreferenzierung in MBA III.1 einerseits und MBA III.2 andererseits kritisiert habe.

c) Man kann Stunden damit verbringen, sich Begründungen auszudenken, warum bestimmte Wortteile im Quellennachweis jeweils fett oder mager gedruckt sind. (Vgl. etwa die Stückelung im Eingangssatz von Repl. 219.) Die ins Äußerste getriebene Pedanterie veranlaßt zu pedantischen Rückfragen: Warum ist in dieser Replik 219 die Sprecherbezeichnung fett gedruckt? Warum werden alle Vorkommen von "Dame" und "Herr" nicht nur in der Figurenrede, sondern auch beim Vorkommen in Sprecherbezeichnungen als quellenabhängig markiert, bei "Bürger" aber nur die Vorkommen in der Figurenrede (mit jeweils gleichen Verweisstellen im Quellenband)? Ist die Behauptung zutreffend, das Wort "Mädchen" (Repl. 53) sei sinngemäß quellenabhängig von "fille publique", wenn die Mutter ihre Tochter als Hure ein "braves Mädchen" nennt? Alles Fragen verstummt aber, wenn man im Nachweis einer sonst sinngemäßen Entsprechung zwischen fremdsprachiger Quelle und deutschem Dramentext ein fettgedrucktes Artikelwort findet (Repl. 486, III.2, S. 136, Z. 18; vgl. III.3, S. 72: "la déposition").

Und da sollte man nicht die Frage nach dem Verhältnis von Aufwand und Ertrag stellen? Ich weiß wohl, daß manche diese Ausgabe für einen "Glücksfall deutscher Philologie" (Focus) halten; und wenn Dedner Fachleute kennt, denen die "komplexe Edition [...] als Pionierleistung" gilt: um so besser. Es wird nicht schaden, wenn die schon etwas ältere Debatte (vgl. Jahrbuch der Dt. Schiller-Gesellschaft, 1989-1991) am neuen Material fortgeführt wird. Angesichts begrenzter Mittel hielte ich es für fatal, wenn Editionsverfahren wie die hier besprochenen als Maßstab sich durchsetzen könnten.

5. Und sie dreht sich doch. Wieviele Menschen über wieviele Jahre eine falsche Hypothese für die Wahrheit halten, sollte in der wissenschaftlichen Diskussion keine Rolle spielen. Aber es stimmt ja noch nicht einmal, daß ich eine "auch in der kontroversen Revolutionsgeschichte seit 165 Jahren nahezu beispiellose Deutung des Dramas" vorgeschlagen hätte; darauf wird bei Gelegenheit zurückzukommen sein.

6. Die (ab)wertenden Vokabeln "Gottlosigkeit" und "Liederlichkeit" bzw. deren Anwendung auf "die Banditen der Revolution" sind nicht von Hauschild oder von mir in die Debatte eingeführt worden, sondern von Büchner selbst, der darin mit der buonarrotistischen Revolutionsgeschichtsschreibung übereinstimmt.

7. Im Jahr 2001 erscheint es als einigermaßen anachronistisch, gegen eine Kritik auf dem Felde der Philologie die alten antijakobinischen und/oder antikommunistischen Ressentiments zu mobilisieren. Aber daß man im Namen Büchners den Ruf nach einer politischen Korrektheit erhebt, die gerade diesem Revolutionär und seinen Texten gegenüber völlig unangemessen ist, erträgt sich weniger leicht. Aufregung aber ist bekanntermaßen unwissenschaftlich, steht also auf einem anderen Blatt...