Georg Büchner
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Alexander Košenina, FAZ, 13.3.2003

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Donnerstag, 13. März 2003, Nr. 61

Schreib das ab, Wilhelmine!

Quellenforschung: Die historisch-kritische Edition des „Lenz“

Büchners „Lenz“ ist eine Ausnahme. Ohne literarische Technik, ohne ästhetisches Kalkül, „nahezu kunstlos“ komme diese kleine Erzählung daher und wirke doch so überwältigend „wie eine innere Stimme“. Mit dieser Begründung plädierte Peter Schneider einst vehement für den Text. Ist der „Lenz“ also ein unwiederholbar gewordenes statt gemachtes Stück Literatur, in dem „der Herstellungsvorgang kaum Spuren hinterlassen hat“?

Vertieft man sich jetzt in die überreich dokumentierte und kommentierte Marburger Ausgabe des kurzen Prosastücks, können einen Zweifel an Schneiders Behauptung befallen. Denn ohne die Frage nach der Kunst zu entscheiden, zeigt dieses minutiöse Puzzle deutlicher als je zuvor, daß der Text fast mehr gefunden als erfunden ist und sich die Spuren dieser Technik durchaus nachweisen lassen. Nun ist der hohe Quellenpegel in Büchners Werk keine Neuentdeckung. Der heftig umstrittene erste Band der Marburger Ausgabe ist angetreten, das für „Dantons Tod“ bis ins Detail zu belegen (F.A.Z. vom 12. Dezember 2000). Für den aus medizinischen Gerichtsgutachten hervorgegangenen „Woyzeck“ ist gleiches zu erwarten. Büchners Changieren zwischen Faktum und Fiktion, Dokument und Dichtung macht ihn zu einer besonderen philologischen Herausforderung.

Auch für „Lenz“ lassen sich zahlreiche unmittelbare wie indirekte Quellen anführen, die in das Werk eingeflossen sind. Hinzu kommt, daß es im Unterschied zu „Danton“ und „Woyzeck“ nicht einmal eine einzige Handschrift gibt, ganz zu schweigen von einer gesicherten Druckvorlage. Karl Gutzkow publizierte die „Reliquie“ erstmals 1839 nach einer Abschrift von Büchners Verlobten Wilhelmine Jaeglé. Die Genauigkeit der Kopie ist dabei ebenso unklar wie der herausgeberische Anteil Gutzkows, der möglicherweise erst aus einzelnen Versatzstücken einen fortlaufenden Text herstellte. Büchners Bruder Ludwig lag wohl weder diese Kopie noch irgendein Original vor, als er das „Novellenfragment“, so sein Untertitel, später in die „Nachgelassenen Schriften“ (1850) aufnahm. Die Überlieferung von Büchners Hand ist also unbekannt.

Burghard Dedner und Hubert Gersch behaupten, diesen verschollenen Urtext nun wiederherstellen zu können. Aus der „reproduktiven Phantasie“, die Gutzkow Büchner für sein naturwahres Seelenporträt des Dichters Lenz bescheinigte, ist jetzt so etwas wie eine rekonstruktive Phantasie geworden, die einige Kritiker für blühend halten. Anders als bei der philologischen Erschließung eines Archetyps, etwa eines mittelalterlichen Textes, aus einer Anzahl variierender Abschriften, gibt es vom „Lenz“ keine voneinander abweichenden Druckfassungen. Da man bestimmte Schreibgewohnheiten Büchners ebenso wie die redaktionellen Gepflogenheiten des Journals kennt, in dem „Lenz“ zuerst publiziert wurde, kann man sich dem Original immerhin ein kleines Stück annähern. Dieser Schritt ist aber winzig.

Die eigentliche rekonstruierende Phantasie setzt deshalb bei Büchners Quellen an. Satz für Satz, Wort für Wort und Tüttel für Tüttel haben die Herausgeber die Erzählung zunächst mit den gesicherten Vorlagen verglichen: mit dem historischen Bericht des Pastors Oberlin über Lenz, mit Goethes Erinnerungen aus „Dichtung und Wahrheit“, mit einigen von August Stöber publizierten Lenziana sowie der Oberlin-Biographie seines Vaters. Diese und acht weitere, weniger gesicherte Quellen werden in der Ausgabe vollständig abgedruckt. Jede noch so kleine Übereinstimmung mit Büchners Text ist graphisch kenntlich gemacht und mit einem Querverweis versehen. Alle diese Hervorhebungen finden sich umgekehrt in der quellenbezogencn Darstellung des „Lenz“ zu Beginn des Bandes potenziert wieder: Je häufiger unterstrichen und je fetter gedruckt, desto näher rückt der „Lenz“ seinen Vorlagen. Man sieht also auf einen Blick, wo Büchner ganz sicher und wo er möglicherweise von einer Quelle abgeschrieben hat. In einem Brief an die Eltern nennt er das etwas vornehmer sein Bemühen, „der Geschichte, wie sie sich wirklich begeben, so nahe als möglich zu kommen“.

Bis dahin klingt das alles nach einem ziemlichen Insidervergnügen, einer Kritik der reinen Philologenvernunft. Doch geht es in diesem Fall nicht nur um ein editorisches Experiment. Denn die ästhetische Wertschätzung des „Lenz“ - vielleicht von (realistischer) Literatur überhaupt - beginnt an der schwer auszumachenden Schnittstelle zwischen Dokumentation und Dichtung, dort also, wo Material und Wirklichkeit beseelt werden. Diesen Punkt sichtbar zu machen bedeutet mehr als einen editorischcn Selbstzweck. Den Herausgebern geht es jedoch nicht nur um Nachweise von Realitätsprotokollen und Textbausteinen für eine psychiatrische Fallbeschreibung. Ihre mit fast beängstigender Akribie betriebene Belegsucht verfolgt vielmehr das Ziel, den verschollenen Urtext zu gewinnen. Spätestens hier beginnt Edition auf Interpretation oder gar Spekulation zurückzugreifen.

Die von Gutzkow überlieferte Druckfassung zerlegen Dedner und Gersch in drei Teile, die genetischen Entstehungsstufen entsprechen sollen: Auf eine erste Chronik im Berichtstil Oberlins folgt in der zweiten Phase eine überblicksartige, gleichsam wissenschaftliche Illustration und Reflexion von Lenz‘ Zustand, die bereits zu einer personalen Perspektive überleitet. Beide Segmente, die in der uns bekannten Fassung durch chronologische Unstimmigkeiten, inhaltliche Lücken und stilistische Eigentümlichkeiten noch als „Bruchstücke“ auszumachen sind, werden schließlich durch die längste Passage, den „Entwurf“, vervollständigt. Der Aufstieg von der fast ausschließlich dokumentarischen ersten zur literarischen dritten Stufe spiegelt sich in der Abnahme des graphisch hervorgehobenen Quellenbezugs. Als Entstehungshypothese zum „Lenz“ ist das ein interessanter Diskussionsvorschlag.

Die Ausgabe geht aber viel weiter. Ihre eigentliche Kühnheit besteht darin, daß diese mit Scharfsinn und Kombinationskunst aus dem überlieferten Drucktext präparierten Fragmente als rekonstruierte Handschriften ausgegeben und an den Anfang des Bandes gerückt werden. Dort, wo sonst das Autograph faksimiliert wird und wo in diesem Fall eine Reproduktion von Gutzkows Journaldruck sachlich geboten gewesen wäre, steht mithin eine Art Textinszenierung. Noch verhält sich die in letzter Zeit durch unerbittliche Streitlust aufgefallene Büchner-Forschung merkwürdig ruhig. Ganz so, als wäre diese auf 2001 datierte, doch erst 2002 gelieferte Mine noch gar nicht gezündet.

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Georg Büchner: „Lenz“. Sämtliche Werke und Schriften. Marburger Ausgabe, Bd. 5. Hg. von Burghard Dedner und Hubert Gersch. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2001. 526 S., geb., 76,- €.