Georg Büchner
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Seitenblick 9
Jürgen Diesner, Darmstädter Echo, 7.12.2003

Darmstädter Echo / echo-online, 7./8.12.2003

Showdown um Büchner

Die weitere Verbreitung von „Leonce und Lena“ ist durch eine einstweilige Verfügung gestoppt

DARMSTADT. Dreizehn Bände sollte die große historisch-kritische Büchner-Ausgabe umfassen, die so genannte Marburger Ausgabe, deren erster Band, „Dantons Tod“, vor drei Jahren erschienen ist. 2012 sollte die Marburger Ausgabe abgeschlossen sein.

Doch jetzt sieht es danach aus, als ob der nach dem „Lenz“ erschienene voluminöse dritte Band, „Leonce und Lena“, der letzte der Ausgabe gewesen sein dürfte. Grund ist das offenbar nicht zu heilende Zerwürfnis der beiden Herausgeber, Professor Burghard Dedner und Dr. Thomas Michael Mayer.

Die weitere Verbreitung von „Leonce und Lena“, soeben an die 150 Abonnenten der Marburger Ausgabe ausgeliefert, ist durch eine einstweilige Verfügung gestoppt, die Mayer beim Landgericht Frankenthal erwirkt hat.

Bei Androhung eines Ordnungsgeldes von 250 000 Euro wird dem Herausgeber der Marburger Ausgabe, der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur, vertreten durch deren Generalsekretär Dr. Wulf Thommel, verboten, die „ohne die Zustimmung des Antragstellers gedruckten und gebundenen Exemplare“ dieser „Leonce und Lena“-Ausgabe an Dritte auszuliefern und so der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Mayer erklärt, dass ohne sein Wissen gedruckt worden sei. Er habe die Ausgabe noch nicht freigegeben, da sie noch nicht ausreichend korrigiert sei. Dedner drängt darauf, dass der Band, dessen Fertigstellung sich eh verzögert hat, jetzt erscheint.

Die Mainzer Akademie, die gegen die einstweilige Verfügung angehen wird, hat ihrerseits Mayer als Herausgeber fristlos gefeuert: Künftig ist Professor Dedner alleiniger Herausgeber. Und die Marburger Universität wird Mayer, wie aus einem Schreiben vom 25. November hervorgehen soll, das Mayer bisher nicht erreicht hat, aus der Büchner-Forschungsstelle abziehen und nach Dedners Darstellung an anderer Stelle angemessen beschäftigen.

Damit wäre der bedeutende Büchner-Forscher Thomas Michael Mayer, der die Marburger Georg-Büchner-Forschungsstelle einst gegründet hat, kaltgestellt. Das empfindet nicht nur Mayer als grotesk, aber offenbar sieht Dedner keinen anderen Weg, als sich von Mayer zu trennen, der ihn nach seinen Worten mehrfach juristisch bedroht habe.

Dieser wiederum, seines Zeichens Akademischer Rat, sieht sich von Professor Dedner, der Leiter der Büchner-Forschungsstelle ist, in die Rolle einer wissenschaftlichen Hilfskraft abgeschoben. Doch vieles an der geplanten Büchner-Ausgabe basiert auf vorhergehenden Arbeiten Mayers, der Dedner unterstellt, seine Forschungsergebnisse usurpieren zu wollen. Urheberrechtliche Streitigkeiten drohen.

Außerdem klagt Mayer beim Landgericht Marburg gegen Dedner, weil dieser „im Juni dieses Jahres bei der Rechtsabteilung der Philipps-Universität erfolglos eine amtsärztliche Untersuchung meines psychischen Gesundheitszustandes gefordert“ habe.

Am Freitag kam es zum Showdown der beiden Kontrahenten bei der Jahreshauptversammlung der Marburger Büchner-Gesellschaft im Literaturhaus in Darmstadt. Dedner ist Erster Vorsitzender der Gesellschaft, die 330 Mitglieder hat, Mayer hatte ihn einst als seinen Nachfolger vorgeschlagen.

Der Darmstädter Literaturprofessor Ulrich Joost suchte zwischen den beiden zu vermitteln, doch ohne Erfolg. Dedner erklärte sich auf Joosts Aufforderung bereit, alle disziplinarischen Maßnahmen gegen Mayer zurückzunehmen, wenn dieser seinerseits alle von ihm eingeleiteten juristischen Schritte rückgängig mache. Mayer: „Nie und nimmer!“

Die Büchner-Gesellschaft suchte sich erkennbar aus dem Zwist innerhalb der Büchner-Forschungsstelle herauszuhalten. Das, so Joost, gehe nur, wenn keiner der beiden Kontrahenten die Büchner-Gesellschaft führe. Aber bei der Suche nach Kandidaten für den Vorsitz winkten alle, die gefragt wurden, ab.

So kam es zur Wahl zwischen Dedner, der sich doch noch bereit erklärte, der Gesellschaft aus der Bredouille zu helfen, und Mayer. Ergebnis war die Wahl von Dedner, der zwölf Stimmen der 19 anwesenden Mitglieder erhielt. Mayer erhielt drei Stimmen. Auf Dedners Wunsch soll sich der Verein nächstes Jahr einen neuen Vorsitzenden suchen.

Am Abend dieses Freitags gab es in der Darmstädter Buchhandlung Schlapp dann eine Lesung eigener Art. Dedner referierte über ein Buch, das – wie Karl-Eugen Schlapp sagte – „fertig ist, aber nicht ausgeliefert werden darf auf Grund der einstweiligen Verfügung. Aber Vorbestellungen werden angenommen.“

Zum Schluss brach der Konflikt zwischen dem Redner und Mayer, der unter den Zuhörern war, wieder auf. Mayers Wortattacke überraschte das Publikum, das den Hintergrund nicht kannte. Dedner verkniff sich auf Anraten seines Anwalts, wie er sagte, jede Erwiderung.