Georg Büchner
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Seitenblick 12
Herbert Wender, editio 17 / 2003

editio. Internationales Jahrbuch für Editionswissenschaft, Band 17,  [Dezember] 2003

Die „ehrlichen Leute“

Eine Anmerkung zu den Erläuterungen der Marburger Büchnerforscher

In Band 15, 2001, dieses Jahrbuchs erschien ein Beitrag[1] zu Fragen der Kommentierung von Büchner-Texten, der wegen einer spezifischen Ausblendung forschungsgeschichtlicher Zusammenhänge seinerseits kommentiert zu werden verdient. Um ihren fortgeschrittenen Wissensstand gegenüber den vorausliegenden Ausgaben herauszustellen, legt die Marburger Forschergruppe das Beispiel, an dem die Problematik einer „Rückübersetzung ins Französische“ erörtert werden soll, folgendermaßen dar:

In der ersten Szene von Danton's Tod entwickeln die Dantonisten ihr Programm einer libertären Demokratie und planen eine politische Offensive gegen die Robespierristen, die Danton mit einer Rede im Konvent eröffnen soll. Danton fragt ironisch zurück:

„Wer soll denn all die schönen Dinge ins Werk setzen?“ und erhält zur Antwort: „Wir und die ehrlichen Leute.“ „Wir“: das ist in diesem Fall die Gruppe um Danton. Wer aber, so fragen wir, sind die „ehrlichen Leute“, und konsultieren Poschmann, der eine Passage der Hauptquelle Unsere Zeit (Bd. VII, Beilage zu Heft 26, S. 7) zitiert [...].

Kommentarsystematisch behandelt Poschmann die Wendung „ehrliche Leute“ wie eine Lehnübersetzung und nimmt dann an, die Rückübersetzung zu «honnêtes gens» werde den gemeinten Sinn ergeben. (S. 43)

Wir dagegen fragen, warum die 1969 in die Forschung eingeführte[2] und seit 1974 in die gängigen Büchner-Kommentare übernommene[3] Fehlzuweisung der U.Z.-Erläuterung („honnêtes gens [...] vorzüglich französische Altadelige“)[4] nicht bereits an ihrer Quelle, sondern nur in ihrer Fernwirkung vorgeführt wird. Nach dem ersten der zitierten Absätze hätte man ja ebensogut mit einem forschungsgeschichtlichen Rückverweis fortfahren können:

Auf die Begriffserläuterung in einem Nebentext der deutschsprachigen Hauptquelle hatte zuerst Thomas Michael Mayer verwiesen. Er behandelte die Wendung „ehrliche Leute“ wie eine Lehnübersetzung und nahm an, die Rückübersetzung zu «honnêtes gens» würde den gemeinten Sinn ergeben.

Zumindest in der Druckfassung des Vortrags hätte man dann in zwei Sätzen auf die weitere, kontrovers verlaufende Forschungsdiskussion zu dem in Frage stehenden Ausdruck verweisen können. In den Zettelkästen der Marburger Forschungsstelle ist ja vermutlich lückenlos dokumentiert, daß parallel zu der Übernahme von Mayers fehlgehendem Hinweis in die Kommentare eine gegenläufige Bewegung zu verzeichnen ist: von der Einbindung des U. Z.-Zitats in den weiteren Kontext einer übergreifenden Erörterung vergleichbarer Bezeichnungen bei Gerhard Jancke[5] über Mayers stillschweigende  Selbstkorrektur[6] bis zur Ersetzung durch treffendere Belege für die Begriffsverwendung während der Französischen Revolution.[7]

Nun gut, mag man einwenden, es geht aber doch in dem editio-Beitrag ersichtlich nicht um die Geschichte der Büchnerforschung; vielmehr wurde seinerzeit im Rahmen einer auf Übersetzungsprobleme zentrierten Editorentagung eine nur exemplarisch zu belegende Kommentarsystematik vorgetragen. Abgesehen davon, daß dann immer noch zu fragen bleibt, warum die kritische Argumentation im Vortrag[8] exklusiv an Poschmann und nicht an Mayer exekutiert wurde und warum in der Druckfassung nicht wenigstens in den Fußnoten erkennbar wird, daß es sich um keinen genuin Marburger Erkenntnisfortschritt[9] handelt: Wie funktioniert eigentlich die implizite Logik solcher Systematisierung? Zunächst einmal wird ohne Begründung behauptet, Poschmann bzw. Pörnbacher bzw. Hinderer bzw. Mayer würden „die Wendung ,ehrliche Leute' wie eine Lehnübersetzung“ behandeln, nur um dann einwenden zu können, es handele sich um „ein deutsches Wort mit eigener Bedeutung“ (S. 43). Wird die Unterstellung getilgt, lautet die Diagnose:

Kommentarsystematisch behandelt man die Wendung „ehrliche Leute“ wie eine Übersetzung und nimmt dann an, die Rückübersetzung zu «honnêtes gens» werde den gemeinten Sinn ergeben.

Was aber, fragen wir nun, könnte daran falsch sein, und konsultieren den „Quellenbezogenen Text“ der Marburger Ausgabe, wo die Bezeichnung „die ehrlichen Leute“ durch Fettdruck als „wörtlich übersetzt“ ausgewiesen ist und wo in der Marginalspalte auf die französischsprachige Entsprechung «les honnêtes gens» im Quellenband verwiesen wird.[10]

Es war also gerade nicht „problematisch“, den deutschen Ausdruck für eine Übersetzung aus dem Französischen zu halten, und tatsächlich ergibt „die Rückübersetzung zu <honnêtes gens> den gemeinten Sinn“ — wenn man die richtige, d.h. eine dem Dramenkontext entsprechende Bedeutung zugrunde legt. Hinzu kommt, daß dramenintern diese von Philippeau angesprochenen „ehrlichen Leute“ gleich anschließend von Danton charakterisiert werden: Man kann ihnen „Geld leihen“, „bei ihnen Gevatter stehn und seine Töchter an sie verheirathen“, aber man darf nicht auf sie zählen, wenn es darum geht, die jakobinische Revolutionsregierung zu stürzen. In den Einzelerläuterungen bedarf deshalb diese Stelle keiner Erwähnung. Wenn man eine Verständnishilfe für notwendig hält, wäre wohl eher der von Danton akzentuierte Abstand zwischen den „ehrlichen Leuten“ und den Dantonisten zu erläutern, etwa durch Verweis auf eine Äußerung des Lacroix in Szene I/5: „Man nennt uns Spitzbuben und (sich zu den Ohren Dantons neigend) es ist, unter uns gesagt, so halbwegs was Wahres dran.“[11]

Fazit: Das Beispiel paßt nicht zu der ‚kommentarsystematischen' Fragestellung, und noch weniger ist es geeignet, Poschmanns Kommentar zu diskreditieren. Vielmehr kann umgekehrt an eben diesem Beispiel die Zitierpraxis der Marburger Forscher erhellt werden, und zwar durchaus noch weiter gehend, als es jetzt schon deutlich geworden ist. Man könnte es ja für einen von der problematischen Quellendiskussion unabhängigen Fortschritt halten, daß zu dieser Dramenstelle nun auch das deutschsprachige Begriffsfeld mit Beispielen u.a. aus Büchners Briefen und aus August Beckers Verhöraussagen erläutert wird. Nur: Entsprechende Belege hatte bereits Jancke im selben Zusammenhang angeführt, und man vermißt bei der Marburger Erläuterung zu den Repliken 27—28 (I/1) insbesondere dessen Querverweis auf Replik 450 (III/5), wo Büchners Text mit der Bezeichnung „die rechtschaffnen Leute“ gerade nicht die Vorgabe der französischsprachigen Hauptquelle («les bons républicains») übersetzt, sondern statt dessen einen dem französischen «honnêtes gens» entsprechenden Ausdruck verwendet.[12]

Nachbemerkung: Die editio-Redaktion hat mir zur Auflage gemacht, die Anmerkungen zur Kommentierungspraxis der Marburger Forschergruppe auf die Kritik des in editio Geäußerten zu beschränken. Das erlaubt immerhin noch den Hinweis darauf, daß die dem Danton-Kommentar insgesamt zugrunde liegende Hypothese: „In der ersten Szene von Danton's Tod entwickeln die Dantonisten ihr Programm einer libertären Demokratie“ (S. 43) so konsensfähig nicht ist, wie sie in den Marburger Publikationen erscheint. Verschwiegen wird dabei, daß nicht nur jene Forscher, denen die Marburger eine bornierte Fehleinschätzung frühsozialistischer Strömungen unterstellen (vgl. MBA 3.2, S. 180, gegen Jancke, Wender und Hauschild), die Stilisierung Büchners zum ,libertären' Frühkommunisten kritisierten.[13] Wie in einer so groß angelegten, aus öffentlichen Mitteln nicht unerheblich geförderten Ausgabe mit gezielten Ausblendungen Forschungspolitik betrieben wird, halte ich für einen Skandal.


[1] Burghard Dedner in Zusammenarbeit mit Eva-Maria Vering und Udo Roth: Französischsprachiges in Büchners Schriften. In: editio 15, 200l, S. 37-51; im folgenden mit einfacher Seitenangabe im laufenden Text.

[2] Thomas [Michael] Mayer: Zur Revision der Quellen für „Dantons Tod“ von Georg Büchner. In: Studi germanici N.S. 7, 1969, S. 287-336, hier S. 317: „<(U.Z. ,Alphabetisches Verzeichniß ...' nach Bd.VII, Heft 26): E h r l i c h e  L e u t e (honnêtes gens). [...]>“. Die spitzen Klammern markieren das Zitat als einen der Belege, „die nur sekundär herangezogen sind oder aber deren Zusammenhang zum Drama unsicher erscheint“ (ebd.).

[3] Walter Hinderer: Büchner-Kommentar zum dichterischen Werk. München 1977, S. 93. - Georg Büchner: Werke und Briefe. Münchner Ausgabe. Hrsg. von Karl Pörnbacher u.a. München 1988 (dtv 2202), S. 504. - Georg Büchner: Dichtungen. Hrsg. von Henri Poschmann. Frankfurt/Main 1992 (Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente. Bd. l), S. 486. (Dieser Band der Frankfurter Ausgabe war schon in den 1980er Jahren in der DDR vorbereitet worden; nicht zuletzt wegen der mit der Wiedervereinigung verbundenen Veränderungen auch im Verlagswesen erschien er erst Anfang der 90er Jahre. Den Marburger Forschern, die vor 1989 mit Poschmann eng zusammengearbeitet hatten, ist dies wohlbekannt.) - Die zuletzt vor dem Erscheinen der Marburger Danton-Bände erschienene Ausgabe ist wohl die 7. Auflage der Münchner Taschenbuchausgabe, München 1999 (dtv 12374).

[4] Vgl. auch den Stellenkommentar der Marburger Danton-Ausgabe: „ist die in UZ Beilage zu Heft 26, S. 7 gegebene Wortbedeutung [...] hier nicht brauchbar, da die Dantonisten für ihren Kampf im Konvent nicht eine politische Koalition mit 'Altadeligen' erwägen können“; Georg Büchner:  Sämtliche Werke und Schriften. Historisch-kritische Ausgabe mit Quellendokumenten und Kommentar (Marburger Ausgabe). Im Auftrag der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz, hrsg. von Burghard Dedner und Thomas Michael Mayer (im folgenden: MBA), hier Bd. 3,4: Danton's Tod. Erläuterungen. Bearb. von Burghard Dedner unter Mitarbeit von Eva-Maria Vering und Werner Weiland. Darmstadt 2000, S. 48.

[5] Gerhard Jancke: Georg Büchner. Genese und Aktualität seines Werkes. Einführung in das Gesamtwerk. Kronberg/Ts. 1975, S. 193-199: „<honnêtes gens> - die ,Ordnung des Egoismus'“.

[6] Thomas Michael Mayer: Georg Büchner: Danton's Tod. Entwurf einer Studienausgabe. In: Georg Büchner: Dantons Tod. Kritische Studienausgabe des Originals mit Quellen, Aufsätzen und Materialien. Hrsg. von Peter von Becker. 2., verb. Aufl. Frankfurt/Main 1985 (zuerst: 1980), S. 7-74, hier S. 22.

[7] Vgl. den Hinweis auf die revolutionsgeschichtlichen Schriften von Charles Nodier in meiner Dissertation; Herbert Wender: Georg Büchners Bild der Großen Revolution. Zu den Quellen von Danton's Tod. Frankfurt/Main 1988 (Büchner-Studien. Bd.4), S. 120, Anm.41.

[8] Der Marburger Beitrag wurde während der Tagung der Arbeitsgemeinschaft für germanistische Edition in Lingen (März 2000) von Burghard Dedner vorgetragen; seit der öffentlichen Auseinandersetzung um Poschmanns Ausgabe, die zu dessen Austritt aus der Büchnergesellschaft führte (vgl. die Dokumentation auf der Internetseite: http://www.georg-buechner-online.de), waren zum Zeitpunkt des Vortrags wenige Wochen vergangen. Darauf wie auf das Fehlen des Nachweises der älteren Literatur zum Thema habe ich bereits in der unmittelbar anschließenden Diskussion hingewiesen. Wenn irgendwo, dann trifft hier zu, was Mayer einmal zu Unrecht der Kurzfassung von Hauschilds Büchner-Biographie vorgeworfen hat: Die „Zitierweise [...] berührt [...] auch forschungs,politische' Bereiche“ (Thomas Michael Mayer: Über den Alltag und die Parteiungen des Exils. Anläßlich von Büchners Briefen an Braubach und Geilfus. In: Erika Gillmann u.a., Hrsg.: Georg Büchner an „Hund“ und „Kater“. Unbekannte Briefe des Exils. Marburg 1993, S. 41-146, hier S. 46, Anm. 26).

[9] Weder der hier besprochene Aufsatz (S. 44, Anm. 17) noch der Erläuterungsband der Marburger Ausgabe (MBA 3,4,    S. 47f.) läßt erkennen, daß dasselbe Nodier-Zitat, das jetzt als Argument gegen Poschmanns Kommentierung erscheint, von mir seinerzeit (vgl. Anm. 7) als Argument gegen Mayers Quellenbehauptung verwendet worden war.

[10] MBA, Bd. 3,2: Danton's Tod. Text, Editionsbericht. Bearb. von Burghard Dedner und Thomas Michael Mayer, hier S. 89, Z. 11ff., Repl. 27f.

[11] MBA 3,2, S. 103, Z. 5f., Repl. 165.

[12] Vgl. Jancke 1975 (Anm. 5). Als Fortschritt ist es zu werten, daß jetzt in der Erläuterung zu Replik 450 statt Janckes Verweis auf Thiebergers Dramenübersetzung ein revolutionszeitlicher Beleg gegeben wird. (Vgl. MBA 3,4, S. 189; an der Stelle in Bd. 3,2, S. 133, Z. 10ff. sind die Verweise in der Marginalspalte um eine Zeile verrutscht.) Erstaunlich finde ich aber, daß zu „ehrlicher Mann“ auf Weidigs Anteil am Hessischen Landboten verwiesen wird, während der von Jancke angeführte Beleg im Kommentar der Ausgabe wie in der ausführlicheren Darstellung des editio-Beitrags übergangen wird: „Es ist keine Kunst, ein ehrlicher Mann zu sein, wenn man täglich Suppe, Gemüse und Fleisch zu essen hat.“ Vgl. dazu dann auch das angebliche Desmoulins-Diktum, das ich seinerzeit aus einem nachthermidorianischen Pamphlet zitiert hatte: «Qu'importe dans les révolutions, l'opinion ou la végétation des honnêtes gens, dont les facultés se bornent à compter leurs revenus, et les occupations se réduisent à faire leurs quatre repas par jour, comme a dit plaisamment Camille Desmoulins»; zit. in Wender 1988 (Anm. 7).

[13] Inwiefern es sich bei den „Staatsgrundsätzen“ der Dantonisten in Büchners Drama um ein genuin bürgerlich-liberales Programm handelt, hatte Terence M. Holmes bereits Anfang der 1970er Jahre untersucht (T.M.H.: The Ideology of the Moderates in Büchners ,Dantons Tod'. In: German Life & Letters 27, 1973/74, S. 93-100), und er hat seine These auch später, in einer verschiedene Studien zusammenfassenden Monographie, gegen Mayers Versuch einer Neubewertung aufrechterhalten (Ders.: The Rehearsal of Revolution. Georg Büchners Politics and his Drama Dantons Tod. Bern u.a. 1995, insbes. Kap. VI; "The Pleasure Principle", S. 115-144). Beide Titel fehlen in den Literaturverzeichnissen des Marburger Danton-Bandes ebenso wie der einschlägige Diskussionsbeitrag von Hans-Joachim Ruckhäberle: Georg Büchners Dantons Tod - Drama ohne Alternative. In: Georg Büchner Jahrbuch 1, 1981, S. 169-176.