Georg Büchner
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Seitenblick 14
Alexander Košenina, FAZ, 23.04.2004

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. April 2004, Nr.95

Tragödie über eine Komödie

Büchners "Leonce und Lena" sprengt den Bund der Herausgeber

Editoren sind eigentlich ruhige, friedliche Genossen, solange man sie bei ihrer strengen, spröden Arbeit nicht stört. Am allerbesten geht es ihnen, wenn sie allein ihren selbstauferlegten Prinzipien mit unverbrüchlicher Konsequenz folgen dürfen. Abweichende Grundsätze in konkurrierenden Ausgaben sind dann zwar noch erbittert zu bekämpfen, wenigstens in der eigenen Textwerkstatt herrscht aber Ruhe und Ordnung. Je mehr Meister und Gesellen dort aber unter verschiedenen institutionellen wie finanziellen Abhängigkeiten mitmischen, desto schwieriger wird die Lage. Noch nie und nirgendwo ist sie aber so irreparabel außer Kontrolle geraten wie jüngst an der Büchner-Forschungsstelle in Marburg.

Seit Monaten wird dort Krieg geführt - erbittert, existentiell, ergebnislos, und das bei insgesamt hohen Verlusten, sachlichen wie menschlichen. Vordergründiger Zankapfel ist das Lustspiel "Leonce und Lena", erschienen als sechster Band der Historisch-kritischen Marburger Ausgabe, im Auftrag der Mainzer Akademie und gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, dem Bundes wie dem Hessischen Landesministerium. Die in dem Stück "in effigie" geschlossene Verbindung zwischen Prinz und Prinzessin wird nun von einer Scheidung überschattet, wie sie trauriger, fataler, aber auch grotesker nicht sein könnte: Burghard Dedner und Thomas Michael Mayer, beide Herausgeber der Marburger Ausgabe, die das Lustspiel schon einmal 1987 gemeinsam kritisch bearbeiteten, haben sich überworfen. Mayer, der die bereits begonnene Auslieferung der aus seiner Sicht weiter korrekturbedürftigen Ausgabe im November per einstweiliger Verfügung stoppen ließ (F.A.Z. vom 20. November 2003), ist inzwischen von seinen Aufgaben entbunden.

Die Mainzer Akademie kündigte seinen Herausgebervertrag, und die Universität Marburg versetzte ihren Akademischen Rat in die Studienberatung und Bibliotheksbetreuung. Für den Gründer der Büchner-Gesellschaft, des Büchner-Jahrbuchs und der Büchner-Studien, der die Ausgabe und Forschungsstelle bis jetzt wie kein anderer prägte, bedeutet das nach fünfunddreißig Jahren kontinuierlicher Forschung die völlige Infragestellung seines Lebenswerks. Die Schlösser zu seinem Editions-Schloß sind ausgetauscht, der Zugang zu Tausenden von Dokumenten und Aufzeichnungen bleibt ihm versperrt, die mühselige und wahrscheinlich unmögliche Trennung von dienstlichen und privaten Unterlagen hat erst begonnen. Stünde nicht die Sache Büchners selbst auf dem Spiel, würde man die Öffentlichkeit wie von jedem anderen unappetitlichen Scheidungsverfahren lieber ausschließen.

In diesem unvergleichlichen Fall ermittelt also nicht mehr nur die philologische "Textpolizei" gegen einen Autor (F.A.Z. vom 25. Februar), sondern die beteiligten Textpolizisten unter Anrufung von Gerichten gegeneinander. Fragwürdig und juristischen Urteilen unzugänglich bleibt indes, wie weit die Liebe zur Sache gehen darf. Sicherlich, drucktechnische Versehen sind, zumal in einer historisch-kritischen Ausgabe, äußerst ärgerlich. Doch welche Edition wäre völlig frei davon? Was Mayer für die einstweilige Verfügung, die inzwischen aufgehoben ist, geltend macht, ist kaum dazu angetan, seinen "nicht geringen Ruf als wissenschaftlicher Editor" zu gefährden, den er mit allen Mitteln verteidigen zu müssen glaubt. Vielmehr könnte der gegenteilige Eindruck von einer Akribie mit obsessiven Zügen entstehen. Beispiele aus dem "Antrag auf Erlaß einer einstweiligen Verfügung": "Seite 14, Randzeile 23, sind die beiden Spitzklammern entgegen der ausdrücklichen Erläuterung im Anhang Seite 548 nicht fett, sondern mager gedruckt." Oder: "Seite 27 findet sich im linken Apparat zu ,Fremde Hände' ein durch nichts motivierter und irritierender Zeilensprung."

Nein, solche Fehlerchen gefährden niemandes Ruf, und man könnte all das getrost auf Corrigenda-Zetteln, die sogar Standardwerke wie das "Historische Wörterbuch der Philosophie" jedem Band beifügen, vermerken. Sonst legt sich die Textpolizei selbst Handschellen an. Entsprechend sind die Gerichte statt mit fetten oder kursiven Punkten damit befaßt, die Richtigkeit eidesstattlicher Versicherungen, Vorwürfe der Unzurechnungsfähigkeit, Urheberrechtsfragen und Kompetenzstreitigkeiten zu prüfen. Keine leichte Aufgabe, deren fragliche Lösbarkeit letztlich über die Weiterführung der Ausgabe entscheidet. Eine Ahnung von dem Streit um Mayers Beteiligung und seine Sonderstellung als bloßer Textbearbeiter erhält auch ohne tiefere Einblicke in die Akten, wer die "Danksagung" auf Seite 351 studiert: Daß Mayer "nicht unter den übrigen Mitarbeitern des Gesamtbandes auf dem Titelblatt genannt werden möchte, ist begründet durch seine verbleibenden grundsätzlichen Bedenken gegen die Konstituierbarkeit eines emendierten Textes angesichts der vorliegenden Überlieferung . . ."

Über dem ganzen Hickhack sollte man die Besonderheiten und Verdienste des neuen Bandes nicht aus dem Blick verlieren. Im Unterschied zu der Erzählung "Lenz" sind von "Leonce und Lena" wenigstens Fragmente von handschriftlichen Entwürfen überliefert. Während für den "Lenz" in der Marburger Ausgabe das Manuskript aus Drucküberlieferungen gleichsam rückwärts durch ein umstrittenes Verfahren rekonstruierender Phantasie spekulativ entworfen wurde (F.A.Z. vom 13. März 2003), steht das Lustspiel auf etwas festeren Füßen. Maßgeblich sind aber wiederum Drucke: zum einen Karl Gutzkows gekürzte Publikation im Journal "Der Telegraph" (1838) auf Grundlage einer Abschrift von Büchners Geliebter Wilhelmine Jaeglé, zum anderen die Nachlaßedition durch den Bruder Ludwig (1850) nach einer Abschrift von Büchners Schwester Louise. In welchem Verhältnis die beiden Abschriften zueinander und zum verschollenen Original stehen wird seit langem diskutiert Unstrittig ist dabei, daß man mit der vollständigsten Fassung von 1850 allein nicht auskommt, sie wird in allen Ausgaben mit der Journalfassung kombiniert. Das ist der Kern des Problems.

Bei Gerhard Knapp und Herbert Wender (Goldmann Verlag, 2002) ist das im Text nicht sichtbar, Karl Pörnbacher (dtv, 1985) oder Henri Poschmann (Deutscher Klassiker Verlag, 1992) markieren Vermischungen wenigstens durch eckige Klammern. Wenn der wirre König Peter in der zweiten Szene beim Ankleiden "fast nackt" im Zimmer herumläuft und sein freier Wille - "pfui" - "da vorn" ganz offen aus der Hosentür lugt, dann sind das willkommene Gags für so grandiose Inszenierungen wie jetzt die von Robert Wilson am Berliner Ensemble.

Ludwig Büchner erschienen solche Details zu unschicklich, weshalb er sie lieber unterdrückte. Die neue Ausgabe macht nun alle Schichten in jeder wünschenswerten Klarheit deutlich. Besonders elegant ist das für die erste Szene in Gestalt eines Paralleldrucks gelöst: Denn für diesen Auftritt liegt außer den beiden Drucken eine Handschrift vor, die natürlich zunächst faksimiliert und differenziert transkribiert wird.

In der "quellenbezogenen" Darstellung des Textes kann man darüber hinaus alle erdenklichen Einflüsse minutiös verfolgen. Daß sie bei weitem nicht so interessant und spezifisch sind wie beim "Danton" oder "Lenz", liegt auf der Hand. Die Konzeption der gesamten Ausgabe führt zu solchen Systemzwängen, die nicht überall von gleichem Nutzen sind. Relevante Passagen aus den Hauptquellen - Alfred de Mussets Komödie "Fantasio" (1834), Clemens Brentanos "Ponce de Leon" (1803) sowie eine Darmstädter Zeremonialchronik (1834) von der höfischen Vermählung Ludwigs von Hessen mit der Prinzessin Mathilde von Bayern - werden natürlich wieder großzügig abgedruckt. Dabei sind die von Büchner möglicherweise übernommenen Stellen graphisch hervorgehoben.

Ein Wort noch zum üppigen Kommentar, den Arnd Beise verantwortet. Er zeigt, wie diese scheinbar arglose Posse von messerscharfen Invektiven, punktgenauen philosophiekritischen Sticheleien und politisch exakt kalkulierten Despektierlichkeiten nur so wimmelt. Diese Komödie voller funkelndem Witz zu unterschätzen gehört zu den größten Fehlern der Rezeptionsgeschichte. Beises Erläuterungen bieten erstmals einen umfassenden Schlüssel zum Absurdistan namens Popo. Selbst wenn ,brevitas' nicht seine Tugend ist, greift man alles dankbar auf, wenn man jetzt - dem Zirkel-Witz von Leonce folgend - frisch gewappnet "in aller Ruhe und Gemütlichkeit den Spaß (der Lektüre) noch einmal von vorn" anfangen will. Ob dem Publikum dieser Spaß auch noch für den "Woyzeck" und die anderen Schriften und Briefe gewährt wird, steht freilich in den Sternen. Der unsägliche Streit zwischen den beiden Herausgebern der gesamten Ausgabe dürfte das gefährden. Denn selbst wenn Dedner alleine weitermachen wollte, könnte er die bereits geleisteten umfangreichen Vorarbeiten von Mayer nicht einfach ungeschehen machen oder übergehen. Die Angelegenheit stellt sich insgesamt also als eine Tragödie dar, in der ein kompliziert geschürzter Knoten gar nicht mehr zu entwirren ist.


Georg Büchner: "Leonce und Lena". Sämtliche Werke und Schriften. Marburger Ausgabe, Bd. 6. Herausgegeben von Burghard Dedner unter Mitarbeit von Arnd Beise und Eva-Maria Vering. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2003. 583 S., geb., 98,- [Euro].

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